Across The Border ~ Hag Songs (Re-Release 2009)

Als 1994 mit „Hag Songs“ das Debut Album von ACROSS THE BORDER veröffentlicht wurde, war ich gerade mal zarte 14 Jahre alt und in meinem CD-Regal tummelten sich SLIME, THE BATES, ABSTÜRZENDE BRIEFTAUBEN und die RAMONES. Über Folk, Folk-Rock, oder Folk-Punk wusste ich ungefähr soviel, wie vom anderen Geschlecht, nämlich garnichts, bis ich mit „Hag Songs“ schließlich mein erstes Folk-Album in den Händen hielt.Mein Einstieg in die entsprechende Szene sollte zwar trotzdem noch mehr als 10 Jahre auf sich warten lassen, aber immerhin wusste ich fortan, dass Geige und Akkordeon extrem coole Instrumente sind, die auch außerhalb des Musikantenstadls Verwendung finden.

Dass ich dieses Album 16 Jahre später mal als Re-Release rezensieren würde, hätte ich mir natürlich nicht träumen lassen, und wahrscheinlich wäre meine CD Besprechung damals auch deutlich weniger kritisch ausgefallen. So ist das eben, mit jeder weiteren guten Folk-Punk Platte legt man die Messlatte etwas höher an. Denen, die ACROSS THE BORDER kennen, brauche ich natürlich nicht zu erzählen, dass diese Truppe nach wie vor in der ersten Liga der deutschen Folk Szene spielt. Für mich bleibt „Hag Songs“ das ATB Album überhaupt, welches auch mit dem wirklich gut gelungenen neuen Album „Loyalty“ nicht getoppt werden konnte.

Mit „Follow Your Girl (Soldier John)“ bekommt man direkt als Opener einen Überhit um die Ohren gehauen, der zu Recht zu einem Live Klassiker geworden ist. Der Text erinnert mich immer ein bischen an „Johnny Went To The War“ von PADDY GOES TO HOLYHEAD. Auch hier hätte ein junger Soldat besser die Befehle seines Generals ignoriert, um mit seiner Geliebten durchzubrennen. Müsste ich eine Top 10 der genialsten Folk-Punk Songs aller Zeiten erstellen, wäre „Follow Your Girl“ sicherlich dabei. Mit „I Can´t Love This Country“ folgt ein weiterer Song, ohne den ATB keine Bühne verlassen dürfen! Leider ist der Text dermaßen plump und klischeehaft, dass es mir die Tränen in die Augen treibt Ich wüsste wirklich zu gerne, was es mit der Zeile „…too many of us were beaten by the law“ auf sich hat! Bestimmt sind da mal wieder ein paar arme Punks verhaftet worden, bloß weil sie bei ´ner Demo ein paar harmlose Pflastersteine auf die bösen Polizisten geworfen haben, hehe… Irgendwie sind die Lyrics wie eine englische Version von SLIME, spricht also allen Antifa-Jüngern aus der Seele, die prinzipiell alles hassen was „deutsch“ ist, oder mit Deutschland zu tun hat! Dabei beweist die Band doch immer wieder, dass kritische Texte sehr tiefsinnig verpackt sein können. Andererseits ist es auch nicht bei „I Can´t Love This Country“ geblieben, wenn es um „stumpfe“ Texte geht. Die dritte Nummer „You Squat My Heart“ ist noch nicht mal musikalisch sonderlich berauschend, aber immerhin trägt der tanzbare Ska-Folk-Beat zur Vielseitigkeit des Gesamtwerkes bei. Hinter den Lyrics hat sogar die Band im Booklet die Worte „what a stupid song“ vermerkt. Stimmt!

Zum Glück bin ich an dieser Stelle auch schon fertig mit der unbarmherzigen Kritik, denn auf dem restlichen Album schließt man musikalisch und inhaltlich an die Qualität des grandiosen Openers an!

„The Dance Around The Fire“ ist ein recht melancholischer Midtempo Song, der durch tolle weibliche Background Vocals und einer düsteren Atmosphäre punktet. Mit „Tears“ folgt wieder eine sehr schnelle Nummer, deren geniales, vom Akkordeon dominiertes Intro direkt ins Tanzbein geht!

Ohne an Qualität zu verlieren führen Lieder wie „Ghosts Of The Past“, “ oder oder das nur mit Klavier begleitete „The Seed“ zu zwei weiteren Highlights des Albums! Das erste ist das extrem tanzbare und für ATB eher untypische „Beautyful World“, das mich immer an die frühen New Model Army und die späten The Clash erinnert! Zudem ist die Nummer wirklich liebevoll produziert (man beachte den tollen delcey Effekt vor dem Refrain) und peppt das Album wirklich auf! Auch „Hag Song“, der Namensgeber der Platte, tanzt musikalisch aus der Reihe. Jochens Gesang wird lediglich mit Keyboard und Akkustikgitarre begleitet, später kommen noch Geige und weibliche Gesänge dazu. Die Nummer ist nicht nur ein unglaublicher Ohrwurm, sondern nähert sich dem Thema Hexenverfolgung auf einer sehr interessanten Weise. Statt mit erhobenen Zeigefinger auf das begangene Unrecht hinzuweisen, erzählt das Lied eine Art „Rattenfänger-von-Hameln-Geschichte“, die mich fast glauben lässt, dass die Inquisition doch nicht so ganz verkehrt lag. Spaß beiseite, der Song ist einfach nur schaurig-schön und kann auch von dem brillianten „A New England“ (von Billy Bragg) und dem kurzen, abschließenden „In Our Hands“ nicht mehr übertroffen werden.

Als Bonustrack hat die Band den Song „I Can´t Love This Country“ noch einmal in der neuen Besetzung aufgenommen, und diesen mit einem deutschen Rap von Chaoze One angereichert, der noch panniger ist, als der eigendliche Text. Diesen Bonus hätte man sich schenken können, da wären mir Live-Aufnahmen oder ganz neues Material deutlich lieber gewesen. Sehr schön ist dagegen das neue Frontcover-Artwork gelungen, dass deutlich besser zur Band passt, als das Cover der Erstauflage.

Auch wenn der wirklich große Erfolg dieser Band nur in Süddeutschland zu funktionieren scheint, Folk-Fans sollten dieses kleine Meisterwerk auf jeden Fall in ihrem CD Regal stehen haben. Was ATB damals mit „Hag Songs“ losgetreten haben, lässt sich heute wohl nicht mehr nachvollziehen, aber der Einfluss auf die deutsche Folk-Punk Szene ist sicherlich nicht zu unterschätzen. Tatsächlich gibt es auf dieser CD nur einen Song mit einer verzerrten E-Gitarre, wodurch der Gesamtsound etwas traditioneller und zeitloser klingt als die späteren Aufnahmen der Band, aber für mich macht gerade diese Tatsache „Hag Songs“ zu einem der reizvollsten Folk-Punk Alben der 90er.


Trackliste

  1. Follow Your Girl (Soldier John)
  2. I Can´t Love This Country
  3. You Squat My Heart
  4. The Dance Around The Fire
  5. Tears
  6. The Seed
  7. Ghosts Of The Past
  8. Beautiful World
  9. Hag Song
  10. A New England
  11. In Our Hands
  12. I Can´t Love This Country 2.0 feat. Chaoze One


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joern

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