An Rinn ~ Coal (2005), All At Sea (2008)

Cover Al At Sea - Ann RinnSchön, dass es sowas (wieder) gibt: Themenalben! Für je eine Stunde tauchen wir ein in die Welt der Berg- oder Seeleute, erfahren, was sie bedrückt oder bewegt hat. An Rinn haben sich nicht um räumliche Grenzen geschert. Länder- und ozeanübergreifend haben sie Material zusammengestellt und präsentieren es in einer Art transatlantischem Stil, der die alten Tugenden des Folk aufs beste verkörpert.

Tugend Nr. 1: Lieder aussuchen oder schreiben, die was zu sagen haben. An Rinn erinnern daran, unter welch harten Bedingungen Menschen gelebt haben, deren einziges Ausdrucksmittel die Stimme war. Die Gruppe hat sich intensiv mit dem Hintergrund ihrer Stücke beschäftigt.

Tugend Nr. 2: Lieder von lebendigen Musikern lernen, nicht bloß von Tonträgern. Die Gruppe hat über die Jahre hinweg mit einer Reihe von hochkarätigen Liedermachern oder Sängern gemeinsam auf der Bühne gestanden und von ihren Vorbildern nicht nur Stücke ins Repertoire genommen, sondern auch etwas von der Ausstrahlung.

Tugend Nr. 3: Das Lied wichtiger nehmen als sich selbst oder die Show. Die Begleitung tritt zurück und hat dienende Funktion. Dazu gehört der Mut, den gängigen Hörgewohnheiten nicht zu entsprechen. Der Effekt: Glaubwürdigkeit und Identifikation.

Personifiziert wurde dieser Ansatz von Woody Guthrie oder Pete Seeger in den USA. Die beiden Folksänger unterstützten bei zahllosen Live-Auftritten sehr engagiert die Sache der kleinen Leute.

In England begann man mit politisch ähnlichen Motiven, in den Industrieregionen nach lebendigen Liedern zu forschen, und wurde fündig. Spinnereien, Webereien, Streiks und Bergwerksunglücke wurden besungen. Das Volkslied hatte sich an die Gegebenheiten der Industriellen Revolution angepasst.

Einem größeren Kreis von Enthusiasten wurde diese Musik durch die Themen-LPs der Firma Topic nahegebracht. 1963 erschien das Album The Iron Muse, vier Jahre später Leviathan! über die Walfänger. Mehrere Titel daraus finden sich auf All at Sea. Dem Thema Kohle widmeten sich die High Level Ranters (Nordengland) 1975 mit der LP „The Bonnie Pit Laddie„.

In diese Tradition stellen sich An Rinn mit der Widmung von Coal: „Remember the brothers working down in the hole for us all. This is for them!“ Wir hören Alltagsbeobachtungen, Träume, auch Romanzen, aber keine Flucht aus der Realität. Helden gibt es allerdings schon. Die Seeleute, die ihr untergegangenes Schiff Mary Ellen Carter bergen, oder Johnny Miner, der seine Gesundheit unter Tage eingebüßt hat. Man muss sich schon etwas auf die Lieder einlassen, erfährt dann aber manche packende Geschichte.

Lieder aus den Fabriken und von den Schiffsdecks wurden logischerweise gar nicht oder nur sparsam begleitet. Dem tragen An Rinn bei ihren Arrangements Rechnung. Die Unmenge an Instrumenten (s.u.) würde für zwei Bands reichen, außerdem hat man jeweils Gastmusiker eingeladen, die weitere Glanzlichter setzen. Trotzdem ist der mehrstimmige Gesang das Markenzeichen und wird durch die Abmischung hervorgehoben.
Es gibt aber auch reine Instrumentalstücke, z.B. dänische Tänze. Martin Czech spielt das in Bayern Hackbrett, in Ungarn Cymbal oder in den USA Hammered Dulcimer genannte Instrument, das nicht so mythisch aufgeladen ist wie die Harfe, aber ebenfalls wunderschöne Töne produziert.

coalDie Titel auf Coal sind überwiegend zeitgenössisch und einem/einer AutorIn zugeordnet, was bei traditionellem Material eher selten ist. Aber auch die neueren Songs sind so an die musikalischen Vorbilder angeglichen, dass man beim Entstehungsjahr nur raten könnte. Si Kahn oder Colin Wikie wissen eben, wie man gute Songs schreibt. Das trifft aber auch auf Banjospieler Matthias Malcher zu, der zu beiden CDs Lieder beigesteuert hat.

Eine packende Anklage gegen die Arbeitsbedingungen im englischen Konzern ICI ist der Chemical Workers‘ Song. „For every day you’re in this place you’re two days nearer death – but you go.“ Molly of the Mill arbeitet in der Baumwollindustrie. Klagen über Lohndruck und miese Arbeitsbedingungen sind branchenübergreifend; das Kohlenthema ist also nicht so eng zu sehen.

Überraschen mag der einzige deutsche Titel, das bekannte Steigerlied, von Otto Groote eindrucksvoll gesungen. Leider ist es im Ruhrgebiet inzwischen im Sinne einer verklärten Vergangenheit politisch instrumentalisiert. Es sollte uns aber schon überlegen lassen, wie es wohl mit der „Musik von unten“ hier in unseren Industrieregionen bestellt war.

Bergbau und Seefahrt waren zweifellos Männerdomänen, der Untertitel von Coal, „Songs of the Working Man“ drückt es aus. Eine Ausschließlichkeit gab es aber nicht, auch Frauen und Kinder haben unter Tage gearbeitet. Mir fehlt also etwas das weibliche Element. Wenigstens sind mit Peggy Seeger, Gillian Welch und Jean Ritchie auch Liedermacherinnen vertreten.

Neben den bekannten Songs wie Crooked Jack gibt es eine ganze Reihe seltenere, die sich in jedem Folk-Repertoire gut machen würden: etwa das Coal Tattoo oder der L & N. Das Five-String-Banjo in Kombination mit Mandoline, Bass und Gitarre verheißen einen amerikanischen Bluegrass-Sound, Bodhran oder Akkordeon bilden die europäische Komponente. Das passt alles wunderbar zusammen.


M.Czech spielt Hammered Dulcimer
M.Czech spielt Hammered Dulcimer


Ich hätte manchmal gern die Instrumente, gerade auch dass tolle Gitarren- und Banjo-Picking, weiter nach vorn gemischt gehabt. Dies ist meist Beiträgen der Gastmusiker vorbehalten. Der Gesang ist zwar tadellos, aber über eine volle CD-Länge könnte der vorhandene Groove etwas näher ans Gehör gebracht werden.

Dies trifft besonders auf All at Sea zu. Shanties hatten an Bord eine Funktion zu erfüllen und die gemeinsame Arbeit zu erleichtern. Einfache Melodien und Rhythmen waren dazu nötig. Diese werden auch hier mit kraftvollem mehrstimmigem Gesang aufgepeppt, es bleiben aber durch den Aufbau der Lieder eine ganze Menge Wiederholungen. Shanties machen halt am meisten Spaß, wenn man sie im Pub selber mitsingt. Ich weiß, dass das mit Roll, Alabama Roll oder den Talcahuano Girls gut funktioniert.

Wie die Crews der Schiffe sind die Lieder international, hauptsächlich britisch und nordamerikanisch. Natürlich besteht das Material nicht nur aus den Arbeitsliedern. Fernweh und ein bisschen Sentimentalität sind bei Liedern von der See wohl unvermeidlich. Zur Seefahrt gehört der Abschied, etwa beim schottischen Farewell to Tarwathie, aber ebenso die Freude auf die Rückkehr in Westering Home. An Rinn können mit Brian McSheffrey einen Liverpudlian aufbieten, der dem bekannten Leaving of Liverpool eine sehr persönliche Note verleiht.

Durch die Beschränkung auf Stimme und Banjo wirkt der Text des Anti-Walfang-Songs Call me the Whale besonders stark: „In the morning I am playing with my babies in the waves, in the afternoon I’m packed into your cans.“ Wer sich bis zum 18. Titel The Northwest Passage durchgehört hat, erlebt eine Überraschung: eine vielstimmige Hymne, die sich auswächst zu einer Rockballade mit E-Gitarrensolo und allem was dazu gehört. Während man noch dem letzten Lied nachsinnt, läuft unvermutet ein Hidden Track an. Die bislang vermisste keltische Harfe spielt eine unverwüstliche Melodie von der Waterkant, mehr sei nicht verraten. Echt witzig.

Colin Wilkie übernimmt es im Beiheft, darauf hinzuweisen, dass die Segelschiffe nicht nur beim Walfang blutigen Geschäften nachgingen. Der Reichtum Liverpools etwa war maßgeblich durch den Sklavenhandel begründet. Überhaupt sind die beiden Booklets sehr sorgfältig mit Fotos bzw. farbigen Illustrationen gestaltet und mit (englischsprachigen) Infos vollgepackt. „We’re all at sea“ – bildlich gesprochen für„Wir haben keine Ahnung was grade läuft“ kann man zu den Werken von An Rinn wirklich nicht sagen.


Trackliste Coal:

  1. Coal Tattoo
  2. You Wont Get Me Down in Your Mines
  3. Molly in the Mill
  4. Shawnee Town
  5. Brookside Strike
  6. School days over
  7. Destitution Road
  8. Miners Life
  9. Steigerlied
  10. ICI (Chemical Workers‘ Song)
  11. Crooked Jack
  12. Farewell, Johnny Miner
  13. Banks of Marble
  14. Coal Town Road
  15. Springhill Desaster
  16. Miners‘ Refrain
  17. Bygholm Enge
  18. The L&N Don’t Stop Here Anymore

Trackliste All at Sea:

  1. Roll, Alabama, roll
  2. Talcahuano Girls
  3. Shenandoah
  4. Old sea captain
  5. Go to sea once more
  6. Santy Ano
  7. Sonderhönninger
  8. Westering home
  9. Farewell to Tarwathie
  10. Balaena
  11. Shoals of herring
  12. Leaving of Liverpool
  13. Call me the whale
  14. Ballad of young Stephen
  15. Roll the woodpile down
  16. Midnight on the water
  17. Mary Ellen Carter
  18. Northwest Passage

Besetzung:

Brian McSheffrey – Gesang, Bodhran, Percussion
Martin Czech – Gesang, Geige, Gitarre, Banjo, Hackbrett (hammered dulcimer)
Matthias Malcher – Gesang, Gitarre, Banjo, Dobro
Alexander Maßbaum – Gesang, Akkordion, Bodhran, div. Flöten
Helmut Henke-Thiede – Gesang, Bass, Bouzouki, Gitarre, Mandoline, Mandola

Gastmusiker:

Coal: Otto Groote – Gesang, Gitarre

All at Sea: Simon Czech – Schlagzeug
Ewald Igelmann – Concertina
Martin Lutze – E-Gitarre
Fionn Ruadh – keltische Harfe

beide Alben: Ulli Sieker – Mandoline, Geige

Homepage | Myspace | Bestellen über die Homepage | Medienbox | Über Rezensionen

kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

Letzte Artikel von kuec (Alle anzeigen)

Schreibe einen Kommentar