Bellowhead ~ Hedonism (2011)

Kein Strom. Keine Gitarre. Stattdessen ein erlesene Instrumentenmischung von Triangel bis Tuba. Damit entfalten die elf Leute von Bellowhead ein bestens durchorganisiertes Getöse, das auf der Bühne offensichtlich mitreißt. Allein schon die Zahl der Mitwirkenden sorgt dafür, dass die Musik einige Power entfaltet. In der englischen Folkszene gab es jahrzehntelang das Dogma, dass traditionelles Liedgut unbegleitet zu singen sei. So gesehen, ist Bellowhead ein spätes Aufbegehren gegen die Väter des Revivals, eine Befreiung, die kräftig gefeiert wird.

Bellowhead gehört seit einigen Jahren in England zu den angesagtesten Live-Bands. Fünf Mal wurden sie als „beste Live-Gruppe“ bei den BBC Folk Awards geehrt. Daher war es sinnvoll, der CD eine live-DVD mit fünf Titeln beizugeben. Wenn sie demnächst zu ihrer ersten Deutschland-Tour aufbrechen, kann ein Konzertbesuch allen Neugierigen nur empfohlen werden.

Kern der Folk-Big Band ist das Duo John Spiers und Jon Boden. Letzterer ist Frontmann, Sänger und Arrangeur der meisten Titel. Das Material ist Bekanntes und Bewährtes aus der englischen Tradition mit gelegentlichen Ausflügen in andere Länder. Folkig klingen Melodeon, bis zu vier Geigen, Mandoline. Tendenziell jazzig die Blechbläser mit Tuba, Posaune, Sax und Trompete, Klassik und Rock fließen ebenfalls mit ein. Da wir es mit flexiblen Vielkönnern zu tun haben, tauchen auch Cello, englischer Dudelsack und Oboe auf, insgesamt 20 Instrumente. Markenzeichen ist wohl die Percussion, ein am Rack zusammengeschraubtes Sammelsurium, das vom zweiten Arrangeur Peter Flood im Stehen bedient wird. Er wird zitiert mit den Worten „Wir sind eine Partyband – mit ernsthaftem, intellektuellem Anspruch!“ John Leckie (Muse, Radiohead) hat dieses vierte Studioalbum produziert.

Das Konzept der CD funktioniert leider nicht durchgehend. Jon Boden hat sich einige lange, inhaltsreiche Balladen ausgesucht und jeder einzelnen Strophe ein anderes Klangbild verpasst. Bei Broomfield Hill oder Captain Wedderburn packt Boden enorm viele Varianten in einen Fünf-Minuten – Song, um den dramatischen Inhalt zu untermalen und die Spannbreite des Ensembles auszuloten. Das bietet zwar interessante Instrumenten-Kombinationen, ist aber in meinen Ohren überfrachtet, speziell bei A Begging I Will Go. Außerdem schätze ich Bodens ins Theatralische gehenden Gesangsstil nicht so, obwohl er sich mit seinem Projekt ‚A Folk Song A Day’ bleibende Verdienste erworben hat.
Besser funktionieren die flotten Tanzlieder wie New York Girls, das man vielleicht von der Oysterband kennt. Das Jahrhunderte alte Instrumental Parson’s Farewell ist in jeder Besetzung ein Knaller. Bellowhead sind im Mutterland des Folk Rock nicht die ersten, die sich an frischen Arrangements versuchen. Die Instrumentaltitel erinnern an die Albion Band, die Oysters oder das Morris On – Projekt.
Da die Songs zum Standard gehören, bleiben Vergleiche nicht aus, die nicht immer zugunsten von Bellowhead ausfallen. Wenn man überlegt, was das Arrangement mit dem Inhalt des Songs macht, kommen sparsamere Arrangements in meinen Ohren oft besser weg. Jaques Brel’s Amsterdam ist nach dem bewährten Prinzip der Steigerung aufgebaut und endet im großen Pathos. Kann man so machen, muss man aber nicht.

Wer mal La Brass Banda oder Blaskapellen vom Balkan gehört hat, weiß um die Zündkraft des Blechs. Ein anderer Einfluss ist Skandinavien (die Bassklarinette ist ein Hammer). In Deutschland haben Gruppen aus der Weltmusik-Szene ähnliche Projekte ans Laufen gebracht. Man könnte Bellowhead als englische Antwort auf die 17 Hippies bezeichnen.

Am meisten Druck entfalten Bellowhead, wenn eine Akkordfolge ode ein Riff vorgegeben ist und die Instrumente dazu improvisieren können (wenigstens wirkt es so). Bei der DVD ist ersichtlich, mit wie viel Spaß die Leute auf der Bühne dabei sind, hier mal ein Tänzchen, dort mal ein Wälzer auf dem Boden oder ein witziges Flötentönchen. Dass allesamt Könner (übrigens nur eine KönnerIN) am Werk sind, versteht sich von selbst. Zwischen DVD und CD gibt es nur eine Titelüberschneidung. Statt viel Geschriebenem enthält das Booklet eine Fotoserie, wo die Protagonisten am Rande einer Verkleidungs-Party in Szene gesetzt werden. OK. Nett wären noch ein paar Infos und die Lyrics gewesen. Zu viele Strophen? Vermutlich werden Bellowhead live weniger die Balladen als mehr die gute-Laune-Nummern präsentieren. Dann ist allerdings Spaß garantiert.

Trackliste CD

1. New York Girls
2. A-Begging I will Go
3. Cross-Eyed And Chinless
4. Broomfield Hill
5. The Hand Weaver And The Factory Maid
6. Captain Wedderburn
7. Amsterdam
8. Cold Blows The Wind
9. Parson’s Farewell
10. Little Sally Racket
11. Yarmouth Town

Trackliste DVD

1.Whisky is the Life of Man
2. London Town
3. Sloe Gin
4. New York Girls
5. Frog’s Legs and Dragon’s Teeth

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kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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