Bender & Schillinger ~ [und] (2013)

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Das Genre der Singer-/Songwriter, das im Modus der permanenten Selbstbehauptung, seine Daseinsberechtigung fernab üblicher Lagerfeuerklischees mit jedem Album selbst behauptet, legt mit dem Album [UND] aus den Federn und Instrumenten des Mainzer Duos BENDER & SCHILLINGER ein fulminant starkes, zehntiteliges und 45 Minuten langes Argument vor. Dass sie sich dennoch gegen eine Welt aus Erwartungsklischees stellen, räumen sie mir ihrer stilistischen Selbstverortung ein. Dabei könnte das „Singer-/Songwriter plus“ durchaus auf den letzten Nachsatz verzichten und die stilistische Schubladenlosigkeit durchaus als Eigenart des singenden und schreibenden Barden (bzw. der Bardin) ausweisen.

Der Opener, Venice, beginnt mit den wuchtigen Stahlsaiten der Gitarre, kleidet sich in eine englischsprachige Gewandung, inszeniert sich als rhythmusstarke Hommage einer kanalreichen Stadt – und offenbart ein erstes Einhören in die vielschichtige Musik des Duos. So wird der beinahe hypnotische Bann des Stückes zugunsten eines sphärischen Zwischenteils aufgebrochen, um, gleich Phönix, der Asche des eigenen Bruches neuerlich zu entsteigen. Selbst die unterschiedlichen Textgehalte, die Bender und Schillinger zeitgleich vortragen, wirken innerhalb dieser Szenerie alles andere als diffus, sondern vielmehr hypnotisierend.

Elf doppelseitige Einleger ersetzen das übliche Booklet. So unterwirft sich das Duo auch in dieser Hinsicht dem Zwecke des Bruches liebgewonnener Stereotype. Jeder Einleger entstammt der Feder eines anderen Künstlers und entwirft ein graphisches Bild dessen, was der dem Silberling innewohnenden Musik entspricht: Vielfalt in Reinkultur.

Der zweite Titel des Albums, eröffnet mit Möwengeschrei und dem zart vibrierenden Klang eines Akkordeons. Fernwehend kleidet sich Lilien zur Überfahrt in sehnsüchtelnder Ruhe, entspannt über die erste (in Deutsch vorgetragener) Strophe ein zweistimmiges „Ahoi“, jagt in eine sanfte Rhythmisierung, die, getragen vom „komm wir stechen in See“ und dem Sechssaiter, über die unbeständigen Wellen eines ausbleibenden festen Reimes, geschweige denn eines bindenden Metrums, in die abendliche Wellenruhe des „wenn denn Sinken so einfach ist, dann ist Lieben eine Kunst“ mündet.

Mit dem dritten Titel, Gleich-Gleich-Schritt, widmen sich die Musiker post-revolutionären, in jedem Fall jedoch sozialkritischen Gehalten. Abstrahiert man von ebendiesen gibt es jede Menge prosodische Raffinessen zu entdecken. Nach „leise klopft der Takt an“, tut dieser es dem Text gleich – und im „einerlei einerlei einerlei“ gibt sich der Rhythmus über die Dauer einer Zeile ganz dem triolischen Text hin. Neuerlich schwingen sich Musik und Gehalt in wildem Crescendo auf, kulminieren im „laufimkreislaufimkreislaufimkreis“, brechen mit der Steigerung, um die Pointe eingangs leise, dann durch ein Megaphon, gleich dem Revoluzzer, zu verkünden: „Kommt wir singen alle schief im Kollektiv.“

BENDER & SCHILLINGER gelingt ein meisterlicher Brückenschlag. Nicht selten haftet politischer Musik die Banalität des Klischees an, mit dem das Duo jedoch bewusst brich:. So gelingt die Symbiose banaler, romantischer aber auch kritischer Gehalte, folkloristischer, liedermeisterlicher aber auch experimenteller Musik. Jeder Titel des Albums wartet mit neuen Überraschungen auf, so dass das fassbarste Element der Musik BENDER & SCHILLINGERS die konzeptionelle Vielschichtigkeit zu sein scheint.

Trackliste

  1. Venice
  2. Lilien zur Überfahrt
  3. Gleich-Gleich-Schritt
  4. Télé olé
  5. Scorpion
  6. Moosefish
  7. Findelkind
  8. Himmelfall
  9. 72 Hours
  10. Cashback

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