Beoga ~ The Incident (2009)

Beoga Cover TheIncidentIrische Musik plus X – eine beliebte Formel. Dennoch kommt bei Beoga eine Mischung heraus, die so noch kaum zu hören war. Das Wall Street Journal nennt sie ‚die aufregendste traditionelle Band, die in diesem Jahrhundert aus Irland aufgetaucht ist’.

Auch wer Superlativen misstraut, kommt nicht umhin, Beoga als eine ganz besondere Band zu betrachten. Das Quintett aus dem County Antrim bietet nicht nur Talent und eine ungewöhnliche Besetzung, sondern vor allem Arrangements, die aus dem Rahmen fallen.

Beoga haben gleich zwei Leute am diatonischen Akkordeon. Damian McKee und Seon Og Graham teilen sich die Leadstimme, Graham steuert auch noch Gitarre, Bouzouki, Banjo und Low Whistle bei. Niamh Dunne spielt Geige oder Bratsche und singt – und zwar Pop genauso überzeugend wie eine Ballade. Wer einen vierfachen All Ireland – Champion wie Eamonn Murray an der Bodhran (und Percussion) hat, braucht keinen Schlagzeuger mehr zu suchen. Der Star ist für mich aber Pianist Liam Bradley. Anders als bei den New Agern wird hier kein Soundgewaber vom Keyboard verströmt. Bradley arbeitet mit trickreichen Harmonien, übernimmt die Melodieführung und bringt auch noch rhythmischen Drive. Einen großen Teil der Tunes haben die Knopf- und Tastenspezialisten übrigens selbst geschrieben.

Die beiden Vorläufer kenne ich nicht. Jedenfalls zeigen Beoga bei ihrem dritten Werk eine entwickelte eigene Handschrift, die grade Linien ebenso wie verspielte Schnörkel enthält. Das Ganze ist eingängig und an heutigen Hörgewohnheiten orientiert, auch wenn die Inspiration oft aus Dance Halls und Jazzkneipen von vor 100 Jahren zu kommen scheint.

Wenn Keltisches mit anderen Stilen vermischt wird, geschieht dies meist nach dem Additionsverfahren. Die Chieftains holten sich Popstars als Gäste, die Folkrocker kombinieren Bass und Schlagzeug mit Geige und Gesang. Beoga haben zwar auch Gastmusiker, schaffen es aber, durch ihre eigene Art zu spielen und zu arrangieren ständig andere Stile zu integrieren.

Von den 11 Titeln des Albums sind nur vier Lieder; gespielt werden zahlreiche Jigs, Reels oder Polkas. Meist besteht ein Titel aus drei Instrumentalstücken, was ja gängige Praxis ist. Beoga setzen aber ihren Ehrgeiz darein, dass nichts gleichförmig klingt. Die Übergänge kommen mit Absicht nicht so fließend wie man es von den Kollegen gewohnt ist. Wenn man genau mitkriegen will, was da musikalisch passiert, wird es spannend bis anstrengend. Bei manchen Stücken weiß man vorher nicht, wie sie 30 Sekunden später klingen werden – zart oder fetzig, altertümlich oder poppig.

Die Gastmusiker setzen wichtige Akzente, namentlich David Howell mit Klarinette und Saxophon, der stilsicher zwischen Klezmer oder Dixieland jongliert. Auch Harfe, Cello, E-Gitarre oder Trompete sind auszumachen. Bei den Uptempo-Stücken gibt es immer einen treibenden Beat, der meistens von der Bodhran kommt.

Beoga stehen musikalisch fest auf irischem Boden, sind aber keine Traditionalisten mit Scheuklappen. Vielleicht kommt das Europäische im fremden Kontext am besten zum zum Ausdruck. Der Blick geht nach Amerika, besonders bei den Songs. Niamh Dunne ist als Sängerin flexibel, die eigentliche Überraschung ist aber, wie glatt Swing- oder Country-Nummern in den irischen Kontext passen. Mary danced with Soldiers hat auch schon Emmylou Harris interpretiert. Sister Rosetta Tharpe, ihres Zeichens Soulsängerin, muss man nicht kennen, aber ihr Titel Strange Things lässt sich trefflich als Pop der Jahrhundertmitte arrangieren: Bluesige Melodie, Gospel-Backgroundgesang, ein Beat zum Mitschnippen, groovender Bass.

Eine Mainstreamnummer ist auch dabei, die problemlos ins „Format“- Radio passen würde: ein Duett zwischen Niamh Dunne und dem nordirischen Popmusiker Joe Echo, der den Song auch geschrieben hat. In On The Way geht es um ein streitendes Paar im Auto, das sich zwischen Killybegs und Donegal Town hoffnungslos verfahren hat. Mit viel Swing, Humor und einer Melodie zum Mitpfeifen.

Ein harmloser kleiner Walzer, der Bellevue Waltz, wird zu einem Stück Bombastpop aufgeblasen, das eine prima Filmmusik abgeben würde. Die Band entschuldigt sich: „Es ist halt am Ende ein bisschen mit uns durchgegangen.“ Dass sie es auch sparsam können, zeigt der letzte Song, wo es es um Liebe und Trennung geht: The Best is yet to come. Vielleicht ein optimistischer Blick in die eigene musikalische Zukunft. Warum sie sich nicht darauf beschränken, gute Tunes druckvoll zu spielen? Vermutlich einfach, weil sie viel mehr können als nur das.

a_2009-Beoga-Jump-m1Das Album ist sehr aufwändig sekundenweise durchgestylt, aber eben handgemacht. Beoga heben sich aufs Angenehmste von den gecasteten „keltischen“ Kommerzspektakeln ab. „Thanks for supporting independent music“, heißt es denn auch auf der Hülle.

Einen Preis hat für mich das Lampen-Cover verdient, das mit minimalen Mitteln den Titel „der Vorfall“ symbolisieren könnte. Da tanzt einer aus der Reihe…

Beoga sind bereits mit dem Irish Folk Festival in Deutschland unterwegs gewesen. Ihre Videos lassen den Schluss zu, dass sie eine kraftvolle Liveband sind, also auch ohne Studiofinessen überzeugen. Wie wunderbar fügt es sich, dass Beoga just in diesen Tagen wieder bei uns auf Tour sind. Ich bin sicher, dass sich viele von der Spielfreude der Fünf überzeugen lassen. Schön wäre, wenn die nächste CD ein Live-Album würde.

PS. Der Tourveranstalter teilt mit, dass Beoga mit „The Incident“ auf der Vorschlagsliste für eine Grammy-Nominierung in der Kategorie „Best Contemporary World Music Album 2010“ stehen.

Trackliste

  1. Lamped
  2. Antics
  3. Mary Danced With Soldiers
  4. Mister Molly’s
  5. The Flying Golf Club
  6. Strange Things
  7. The Incident
  8. Bellevue Waltz
  9. On The Way
  10. Fly Fishing
  11. The Best Is Yet To Come

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kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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