Black is the Colour

Ein Liebeslied, das durch seine Kompromisslosigkeit berührt und mit einer ungewöhnlichen Melodie im Gedächtnis haften bleibt. Bekannt gemacht hat es Christy Moore. Daraus zu schließen, es sei irischen Ursprungs, würde aber in die Irre führen.

Christy Moore berichtet, er habe Black is the Colour zu Beginn seiner Sängerlaufbahn in Schottland gelernt. In den Sechziger Jahren musste er im Glasgow Folk Centre einmal bis spät abends auf seinen Auftritt warten und hörte das Lied von jemand, der vor ihm dran war. Der Mann hieß Hamish Imlach und war als Gitarrist, Sänger und Entertainer schon einige Jahre als Profi unterwegs. In Kalkutta geboren, in Australien aufgewachsen, machte es für ihn keinen Unterschied, woher eine guter Song stammte.

Ich hatte mehrmals das Vergnügen, den kugelrunden Schotten mit dem umwerfenden Lachen live zu erleben. Sein bluesiges Black is the Colour war ziemlich beeindruckend, man nahm ihm die totale Hingabe einfach ab. Hamish Imlach gab immer mindestens 100 Prozent. Er starb 1996 mit nur 55 Jahren.

Dass sich der Song zum wahrscheinlich populärsten Liebeslied unserer Szene entwickelte, war noch nicht abzusehen, als Christy Moore es 1978 auf Live in Dublin veröffentlichte. Christy’s Version ist recht nah an der seines fünf Jahre älteren Kollegen.

Text

Black is the colour of my true love’s hair.
Her lips are like a rose so fair.
She’s got the sweetest face and the gentlest hands.
I love the ground where on she stands.

I love my love and well she knows.
I love the ground whereon she goes.
And how I wish the day would come
When she and I should be as one.

I go to the Clyde and I mourn and weep
for satisfied I never can be.
Well I ‚ll write her a letter, just a few short lines
And I suffer death ten thousand times.

Black is the colour…

Nur drei verschiedene Verse sind ziemlich wenig, oder? Eine alte Fassung verlängert die 2. Strophe:

I know my love and well she knows
I love the grass whereon she goes
If she on earth no more I see
My life will quickly fade away

A winter’s past and the leaves are green
The time has past that we have seen
But still I hope the time will come
When you and I will be as one

Drei Strophen sind noch zu lang? Dann hier eine ebenfalls amerikanische Kurzfassung:

Black, black, black is the color of my true love’s hair
Alone, my life would be so bare.
I would sigh, I would weep,
I would never fall asleep
My love is ‘way beyond compare
She with the wondrous hair.
Black, black, black is the color of my true love’s hair.

Wer da schreibt, ist über beide Ohren verliebt. Der/die Angebetete ist der schönste, tollste Mensch der Welt. Aber warum können die beiden nicht zusammenkommen, obwohl es zumindest auf einer Seite treue, wahre Liebe ist? Warum muss da jemand tausende von Toden erleiden? Wurde er von ihr schnöde zurückgewiesen?

Die Antwort könnte sein, dass die Strophen mit der eigentlichen Handlung verloren gegangen sind.

Vielleicht ist der Liebste zur See gefahren und nicht wieder gekommen. So legen es Strophen aus The Sailor’s Trade nahe (1909 in England aufgezeichnet). Hier hat die Perspektive gewechselt, sie singt über ihn. Auch der Versrhythmus ist etwas anders:

Brown was the colour of my true love’s hair,
His cheeks resembled a lily’s fair.
If ever he returns it will give me joy,
For none can I wed but my sweet sailor boy.

‚Father, father, go build me a boat,
That I may on the river float;
I’ll hail each captain as I pass by,
And there I’ll inquire for my sweet Willie boy.

‚Captain, Captain, tell me true,
Does my dear Willie sail with you?
Tell me quick, for ‚twill give me joy;
For none can I wed but my sweet sailor boy.‘

‚No, kind madam, he is not here,
He’s drowned in the gulf and we left him there;
All on the rocky island as we passed by,
There we let your true lover lie.‘

Eine Datierung ist nur für eine bestimmte Variante möglich.

Herkunft
Es gibt grob gesehen zwei Versionen. Eine erste Dokumentation von Black is the Colour stammt vom englischen Folkloreforscher Cecil Sharp. Er zeichnete es 1916 von einer Mrs Lizzie Roberts in Hot Springs, North Carolina auf. Bei seinen Reisen in die Appalachen stellte Sharp fest, dass viele Volkslieder dort besser überlebt hatten als in ihrem Herkunftsland. Auch in dieser Version geht die Sängerin am Ufer des schottischen Flusses Clyde spazieren.

Für große Popularität des Liedes in den USA sorgte der Sänger John Jacob Niles (1892 – 1980). Als klassisch ausgebildeter Komponist und Volksliedersammler hatte er einigen Einfluss auf Künstler des amerikanischen Revivals der 1950er/60er. ( Tonaufnahme hier)

Niles nahm den Song 1958 selbst auf und schrieb dazu: „Black is The Color of My True Love’s Hair wurde zwischen 1916 und 1921 komponiert. Ich war aus dem östlichen Kentucky nach Hause gekommen und sang das Lied zu einer ganz anderen Melodie, ähnlich der, die als traditionelle Version heute noch in Gebrauch ist. Mein Vater mochte den Text, fand die Melodie aber furchtbar. Also schrieb ich selbst eine neue Melodie, die schön modal endet (d.h. in einer Kirchentonart, küc) Meine Komposition ist seitdem von vielen aufstrebenden Folksängern „entdeckt“ worden. “ Damit waren wohl seine Landsleute wie Burl Ives und Pete Seeger gemeint.

Gelernt hat Niles das Lied möglicherweise bei der Familie Ritchie, zu der er nachweislich Kontakt hatte. Die Ritchies waren in Kentucky für ein reiches Volkslieder-Repertoire bekannt und hatten sowohl englische als auch irische und schottische Vorfahren. Der Familie entstammte die Sängerin und Dulcimer-Spielerin Jean Ritchie, 1922 als jüngstes von 14 Kindern geboren und eine Art Mutter der amerikanischen Folk-Bewegung (Foto oben rechts).

Melodie
Die Tonintervalle sind bei Niles deutlich größer als in der traditionellen Fassung. Sein klassisch – dramatischer Gesangsstil wirkt noch in der Joan Baez-Version nach. So wie sie wiederholen viele das erste Wort als aufsteigenden Moll-Dreiklang: Black, black black… Die schlichtere Imlach/Moore-Fassung mit blues-ähnlichen Wendungen klingt etwas gefälliger.

Der berühmte Piper Willie Clancy gab an, in Irland sei der Text noch vorhanden gewesen, die Melodie jedoch verloren gegangen. Es gibt eine nette Anekdote, wie sie auf die Grüne Insel zurückkam, nämlich durch ein Zusammentreffen von Clancy mit Jean Ritchie.
In den Fünfziger Jahren traf sie Willie Clancy in Moskau und brachte ihm die besagte Melodie bei. Clancy nahm sie auf, wodurch sie sofort ‚irisch’ wurde. Von dieser Aufnahme lernte sie der Engländer Peter Bellamy, der wiederum…

Ihr erzählt also bitte nie wieder, Black is the Colour sei ursprünglich irisch.

Aufnahmen
Wie man sich bei youtube überzeugen kann, hat das Lied vor allem in den USA eine Wanderung in diverse musikalische Genres angetreten. Zwischen Piano solo und großem Chor gibt es eine Fülle von klassischen Arrangements, aber auch Jazzaufnahmen.
In Großbritannien brachte der einflussreiche Gitarrist Davey Graham („Anji“) den Song1964 auf einer LP heraus. Im Grenzbereich zwischen Folk und Pop bewegen sich damit heute Cara Dillon, Rea Garvey, die Corrs oder Angelo Kelly.

Die Popes, Shane MacGowan’s frühere Band, veröffentlichten 2009 eine raue, rockige Version auf dem Album Outlaw Heaven. Der Text ist etwas verändert.
Der Soundtrack von Brokeback Mountain enthält eine sehr gut gemachte Fassung mit Jaffa und Nina Simone. Dieser bewegende Film erzählt bekanntlich von der Liebe zwischen zwei Männern. Was dem Lied noch eine weitere Perspektive gibt.

Aber kehren wir zurück nach Glasgow und lassen Hamish Imlach noch mal singen. Die LP-Fassung stammt von 1966. Weitere Lieder auch auf „seiner“ myspace-Seite.
Hamish wäre am 10. Februar 70 Jahre alt geworden.

Zu allen Liedern dieser Serie gibt es Videos auf unserem Youtube-Kanal unter Story behind the Song’.

kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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2 Gedanken zu “Black is the Colour

  1. Toller Artikel, das grenzt ja an Detektivarbeit! :-) Eine tolle Version des Liedes gibt es auch auf der CD „Easter Red“ von Paddy Schmidt (dem Frontmann von Paddy Goes To Holyhead). Eine ebenso gelungene Version von „Red Is The Rose“ ist auch enthalten…

  2. Vielen Dank für die ausführliche Recherche. Ich kann nur noch eine weitere Aufnahme beitragen: Larry Mathews, 3. Stück auf den Album „Easy and Slow“, 2003.

    Siehe auch:

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