Brett Hunt ~ Rachel (2012)

Im Genre der Singer/Songwriter sind Ein-Mann-Kapellen keine Seltenheit und fokussieren, der personellen Eingeschränktheit und dem eigenen Anliegen wegen, vornehmlich textliche und weniger musikalische Gehalte. Dass dabei, so der Gesang vornehmlich als Medium des Textlichen verstanden wird, schnell unterhaltungstechnische Engpässe entstehen können, bezeugte vor kurzem Mick Fitzgerald. Ein Gegenbeispiel par excellence bietet hingegen Brett Hunt.

Seit anderthalb Jahrzehnten bereist Hunt die Weiten seiner australischen Heimat und, da ebendiese nach eigenen Angaben doch etwas zu eng werden, zunehmend auch europäische Gestade. Dass bei Ein-Mann-Formationen insbesondere Lagerfeuerschrammelgitarrenkultur geflegt wird, ist kein Novum. Der Australier hingegen zeugt allein durch sein virtuoses Picking, verbunden mit percussiven Elementen und akkordischen Überraschung, von der Möglichkeit einer gegenteiligen stilistischen Ausrichtung.

Me and Jim – eine titeltechnisch quasi-ironische Elastisierung überkommener Verhaltensparadigmen („Der Esel nennt sich immer an erster Stelle!“) – unterstreicht die Fähigkeiten des zweitgeborenen Drillings, indem sich zu besagten Elementen noch Flageoletts gesellen, die wie nebenbei das zügige Picking akustisch versüßen und mit ihrem sphärischen Nachklang die unterschiedlichen Akkordstimmungen ineinander tragen. Hinzu kommt nicht nur ein beachtlicher Stimmumfang, sondern eine erstaunliche Bandbreite vokaler Charakteristika. So kratzt sich die Stimme säuselnd aber auch kraftvoll durch die Strophen, wechselt im Zwischenteil in eine fast countertenorartige Kopfstimme, um anschließend die Atemluft in ein seufzendes Mundharmonika-Solo kulminieren zu lassen.

Das Album ist, nebst zweier zusätzlich genannter Namen, der titelgebenden Rachel gewidmet. Der zweite Titel des Albums schmachtet also einer Dame hinterher, über deren realen Gehalt nur spekuliert werden kann. Dabei verzichtet Hunt auf gängige musische Klischees, und bietet der besungenen Dame eher eine folkloristische Mitsinggelegenheit denn eine stereotypisierte Hymne.

Gemäß der Selbstauskunft des australischen Barden fand dessen musische Sozialisierung unter dem medialen Banner von Country-Legende Johnny Cash, aber auch Neil Young, Bob Dylan und Elvis statt. Die eingängige Akkordgebung, die intuitive Melodieführung und die Bluesharp legen eindrucksvoll Zeugnis vom Einfluss der Großen ab. Doch leistet Hunt mehr als nur ein Zusammenführen unterschiedlicher Stile und nah verwandter Genre. Vielmehr kreiert er unter Hinzugabe seiner technischen Versiertheit und insbesondere qua stimmlicher Leidenschaft ein eigenes akustisches Erlebnis, das selbst ohne gastmusische Unterstützung – wie auf dem Silberling – den Anspruch von Originalität und Qualität aufrecht hält.

Dass Hunt dennoch nicht auf Gastmusiker verzichtet hat, dürfte bassaffinen Hörern gefallen. Ob es die besungene Rose aus dem Niemandsland selbst ist, die dem fünften Titel ihre Stimme hinzugibt, wird Geheimnis des Interpreten bleiben. Dass sich das unisono-vortragende Duo insbesondere in puncto Intonation auf unterschiedlichen Niveaus bewegt, tut dem Titel jedoch keinen Abbruch.

Wer, verwöhnt vom rhythmisch-drängenden Live-Sound e-gitarren-hackender Offbeat-Freunde, sich ausschließlich nach dem Lauten sehnt, wird mit Rachel wahrscheinlich nicht ad hoc warm werden. Wer sich jedoch gern von stimmlicher Vielfalt, schluchzenden und drängenden Gitarren-Pickings und von Originalität zeugendem Minimalismus, der streng genommen gar keiner ist, überzeugen lassen will, wird mit Brett Hunts zweitem Album bestens beraten sein.

 

Trackliste

Over the Ocean

  1. Rachel
  2. Me and Jim
  3. Bleed Red
  4. Rose of No-Mans Land
  5. Back From the Down
  6. First Stone
  7. Open Your Eyes
  8. Sat in the Dark

 

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