Broom Bezzums ~ Under the Rug (2008)

Das Duo Broom Bezzums kehrt auf seiner zweiten CD das eigene Können keineswegs „unter den Teppich“. Die beiden Engländer überzeugen mit interessantem Material und hohem musikalisch-technischen Standard. Sie ergänzen sich optimal und haben einen sehr eigenständigen Weg eingeschlagen. „Two Man – Band“ ist eine treffende Beschreibung. Die Arrangements sind stimmig und dicht, und auch ohne elektrische Verstärkung kommt eine Menge Energie rüber.

Mark Bloomer und Andrew Cadie leben seit einigen Jahren in der Pfalz. Mark stammt aus Birmingham, Andrew aus Berwick hoch im Norden. Kennengelernt haben sich die beiden 2005 in Deutschland, wo sie mit ihrer Musik und ihrer humorvollen Live-Präsentation viele Freunde gewonnen haben. Der Name bezieht sich übrigens auf ein Lied, in dem Reisigbesen zum Kauf angepriesen werden.

Andrew Cadie hat in Newcastle Folkmusik an der Uni studiert, was die Instrumente Gitarre, Small Pipes und Fiddle einschloss. Die Geige ist sein Hauptinstrument, er vertritt einen enorm variantenreichen, echten Folk-Stil mit deutlichem regionalen Akzent. Von seiner Heimat zur schottischen Grenze ist es nicht weit, was man deutlich hört. Mark Bloomer steht ihm nicht nach. Er spielt raffinierte Akkorde auf der Gitarre, begleitet auch mit Mandola, Mandoline oder Whistle. Begleitung ist eigentlich untertrieben, ergänzende oder kontrastierende Melodien und rhythmische Verschiebungen geben beim Hören einiges zu entdecken. Beide Hälften der Kleinst-Band singen eher zurückhaltend, aber überzeugend, sowohl solo als auch zweistimmig.

Kein Rock, kein Punk, das hier ist Folk pur. Mit dem Auftaktstück Binnorie ist gleich klar, wo’s lang geht. Es ist eine vielstrophige, im Wechsel gesungene Ballade um einen Schwestern-Mord, vielleicht manchen in der heiteren Clannad-Version als Two Sisters bekannt. Die Broom Bezzums geben der düsteren Geschichte einen angemessenen Rahmen und halten die Spannung über volle sechs Minuten. Hier kommt auch Gastmusiker Johannes Rollenbeck zum Zuge, der effektvoll seinen Kontrabass einsetzt.
Es folgt der erste von drei reinen Tune-Sets, die neben Überliefertem eine ganze Reihe eigene Jigs und Reels enthalten. Die Instrumentalstücke sind durchaus druckvoll, die gewollten Brüche in Takt und Tempo aber etwas gewöhnungsbedürftig. Nachspielen dürfte wegen der vielen überraschenden, verschnörkelt konstruierten Wendungen schwierig sein.

Bemerkenswert ist die enge Verbundenheit der BB’s mit historischen Ereignissen und die Identifikation mit den Kämpfen der Unterschicht, vom Hungermarsch in Birmingham 1782 bis zum Bergarbeiterstreik unter Margaret Thatcher 1984/85. Andrew Bloomer hat den Text der Brave Dudley Boys stimmig neu vertont.

Wer wie ich der Idee zuneigt, dass Folk nicht nur ein Sound, sondern auch eine Haltung ist, wird sich mit den Broom Bezzums gut anfreunden können. Hier wird keine Parallelwelt aufgebaut, sondern der Bezug zur sozialen Wirklichkeit gesucht. „Turning steel, how do you feel“…ist der Refrain des Factory Lad aus dem Jahr 1969. Ein Fabrikarbeiter an der Drehbank sehnt das Ende seiner Arbeitszeit herbei. Die Perspektive, seine gesamte berufliche Tätigkeit am selben Platz zu verbringen, weckt inzwischen nostalgische Gefühle. Das gegenwärtige Arbeitsleben trifft eher Banks of the Dee: „I can’t get employment, for my hair, it’s turned grey.“Das wird halb verwundert, als Beobachtung mitgeteilt, ohne Selbstmitleid, und auch musikalisch pointiert. Im ironischen Loblied auf das Bettlerdasein, dem Begging Song, lassen sich weitere aktuelle Bezüge finden. Auch der Blind Fiddler, der sich in einem amerikanischen Traditional vorstellt, hat seine Energie nicht verloren.

Anerkennung verdient Andrew Cadie für seinen drei eigenen Songs, die neben historischem Interesse einiges Liedermacher-Können zeigen. Interessante Melodien, nachvollziehbare Inhalte. Humorvoll ist die ganz traditionell gehaltene Warnung vor den schönen Maiden, die unbedarften jungen Männern Kreditkarten-Verträge aufschwatzen: The Clipboard Lassies. Gar nichts Gruseliges hat The Miner’s Ghost, wo, der Geist eines Bergmanns vom Besuch der Ur-Urenkelin in seinem Cottage berichtet. Es geht um die unsichtbare, aber fortbestehende Verbindung zwischen dem Leben früherer und heutiger Generationen.

This Happy Marriage ist ziemlich textlastig, hat aber einen Ohrwurm-Refrain, wie man ihn in den Folkclubs der Insel liebt. Der Titel bezieht sich auf die Vereinigung der Königreiche von England, Schottland und Irland. Die Regierung im fernen London provozierte immer wieder Rebellion auf allen Seiten der geographischen Grenzen. Cadie meint, diese Renitenz habe die verschiedenen Völker immer miteinander verbunden und singt in guter linker Tradition ein Loblied auf das „Multikulturelle“: „Does it matter where we’re born or whence our fathers’ fathers came – if you ask me we’re much the same”.

Under the Rug bietet intelligent gemachte, spannende Musik, die man vielleicht nicht ständig hören möchte, aber hin und wieder brauchen kann, um sich selbst zu „erden“. Außerdem jedem empfohlen, der sich ernsthaft mit akustischen Zupfinstrumenten und Folk-Fiddle beschäftigt.

Freunde englischer Folk-Musik können sich auf die Herbst-Tour von Show of Hands freuen, an der die Broom Bezzums wieder als Support teilnehmen werden. Am 2. Juli sind Andrew und Mark außerdem beim Irish Folk Festival Volmarstein zu Gast.

Trackliste

  1. Binnorie
  2. Dusty Miller / Lampooned / Morpeth Lasses
  3. The Factory Lad
  4. Banks of the Dee / Harbour Reel
  5. Under the Rug / Rockaby Baby/Grapes and cheese
  6. This Happy Marriage
  7. Collier’s March / Brave Dudley boys
  8. Clipboard Lassies
  9. The Blind Fiddler
  10. Miner’s Ghost
  11. The Driftwood Guitar / Mr. Motivator’s / Mahogany Reel / Kyrill reel
  12. Begging song


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kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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