Craig Herbertson ~ A Health to the Ladies (2008)

Das Cover täuscht: so steif und altertümlich, wie das Gemälde vermuten lässt, geht es musikalisch keineswegs zu. Der Herr in Spitzenhemd und Gehrock (niemand anders als C.H. selbst) hat ein Zwinkern in den Augen und ein verschmitztes Lächeln um den Mund. Es kommt also nicht auf das Alter des (musikalischen) Stoffs an, sondern auf die Fasson, in der man ihn präsentiert. Vielleicht mit neuem Zuschnitt, frisch gereinigt und ohne den Geruch von Mottenkugeln, sozusagen.

Craig Herbertson lebt im Ruhrgebiet, stammt aus Edinburgh und wuchs in einer musikalischen Familie auf. Er hat in einer New Wave-Band gespielt, ist als Straßenmusiker herumgereist, hat geschauspielert und schreibt Romane. Einseitigkeit ist also seine Sache nicht. In einem Land mit hunderten Möchtegern-Highländern könnte sich ein „echter“ Schotte auf seine Authentizität zurückziehen und sich als „ein Mann mit seiner Gitarre“ präsentieren. Herbertson hat es aber vorgezogen, eine CD herauszubringen, die rundum professionell gemacht ist und auch international bestehen könnte. Seine Stimme ist zunächst nicht außergewöhnlich, er gestaltet seine Lieder aber sehr klar und mit genau der richtigen Dosis an Emotion.
Es geht in den Texten des Ladies – Albums meistens um Beziehungen, Liebe, Verlust, Enttäuschung. Das Material ist überwiegend traditionell oder von Robert Burns, (was fast auf’s selbe rauskommt). Die Songs, die der Exil-Schotte selbst beigesteuert hat, befassen sich mit historischen Personen oder fügen sich vom Stil her nahtlos in die Szenerie aus Napoleons Zeiten ein.

Als Produzent hat sich Guntmar Feuerstein, der Mr. Folk des Ruhrgebiets, betätigt und die Stücke akustisch sehr geschickt „eingekleidet“. Dabei wirken Andrew Cadie (Fiddle) und andere hochkarätige Leute mit, vorwiegend aus der regionalen Sessionszene, sowie einige Familienmitglieder.

Auch wer die Beschränkung auf akustische Instrumente nicht so schätzt, könnte die Scheibe interessant finden. Einige Songs wären nämlich bestens zum Covern für eine rockige Besetzung geeignet: eingängige Gesangsmelodien und Riffs, starke Refrains, die zum Mitsingen einladen. Das soll aber nicht heißen, dass man an den vorliegenden Aufnahmen herumverbessern müsste. Anscheinend hat die konsequent akustische Instrumentierung einige Kreativität frei gesetzt. Riffs oder Reels werden eingeflochten, Flöte, Fiddle, Bodhran und Knopfakkordeon vermitteln (irische) Session-Atmosphäre.

Green Grow the Rashes ist eher ein schwungvoller Jig-Set, wo sich die Begleitcombo vorstellt, mit eingestreuten Gesangsversen. Die Klage der Braut eines toten Soldaten, des Bonnie Light Horseman, wirkt gut in der sparsamen Instrumentierung, wie überhaupt die verschiedenen eingesetzten Gitarren angenehm auffallen. Richtig Power gibt es bei den Songs über die adeligen Damen. Mad Lizzy, bezieht sich auf Elisabeth, die Schwester von Robert Bruce, die andere Lady ist die hingerichtete Mary Queen of Scots. Auch He who would be King, der hessische Prinz, ist eine historische Person. Die Refrains werden tatkräftig von den Musikerkollegen mitgesungen.
Höhepunkt des Albums ist für mich aber eine ganz ruhige Nummer, wo es um enttäuschte Liebe und Trennung geht: Honest Town Lagoons. Die Melodie ist die gleiche wie bei Lakes of Pontchartrain, in der Aufnahme von Paul Brady ein Klassiker des irischen Revivals. C.H. selbst schätzt den Song von Peter Smith als besten in modernen Zeiten geschriebenen ein. Dem tut er mit einer intensiven Interpretation Genüge, die nicht ins Sentimentale abgleitet. Wer auch immer auf die Idee gekommen ist, bei dem Arrangement ein Glockenspiel einzubauen, hat einen Extra-(Shortbread-)Keks verdient. Es muss nicht immer Keyboard sein…

Mit den beliebten Mormond Braes wird man wieder aus der besinnlichen Stimmung gerissen. Banjo und Mandoline lassen es nach U.S. Old Time Music klingen. Auch dies funktioniert wunderbar. Da haben offenbar L.Bow Grease (Feuerstein und Jackson) ihren Spaß gehabt.

Nachdem es mit der Red Red Rose und dem Loch Tay Boat Song noch mal sehr romantisch geworden ist, sind wir zum Schluss dabei, als auf die Damenwelt insgesamt angestoßen wird. In einem Pub bringt der Solist unbegleitet einige humorvolle Verse über Stärken und Schwächen des weiblichen Geschlechts zu Gehör, was herzliches Gelächter auslöst. Ein versöhnlicher Schluss nach den diversen Tragödien. Auch das kurze Cheer Up an Anfang und Ende, das an Klavierstücke der Stummfilmzeit erinnert, lässt zum Abschied von der kleinen Zeitreise schmunzeln.

A Health to The Ladies ist die letzte CD aus einer themengebundenen Trilogie. Wie die Vorgänger ‚Hearts of Glory’ und ‚Lord of Whisky’ ist sie bei steeplejack erhältlich. Alle Texte sind mit kurzen Anmerkungen im Beiheft abgedruckt.

Trackliste

  1. Prelude: Cheer Up
  2. Green Grow the Rashes
  3. Bonnie Light Horseman
  4. Andrew Lammie
  5. Dainty Davie
  6. Rowan Tree
  7. Mad Lizzy
  8. Fair and Tender Ladies
  9. Mary Queen of Scots
  10. The Lighthouse
  11. He Who Would be King
  12. The Lichtbob’s Lassie
  13. Honest Toun Lagoons
  14. Mormond Braes
  15. A Red Red Rose
  16. Loch Tay Boat Song
  17. A Health to the Ladies
  18. Reprise: Cheer Up

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kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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