Dáithí Sproule ~ The Lost River Vol1 (2011)

Wenn es um die Begleitung von irischen Liedern auf der akustischen Gitarre geht, fällt oft der Name von Dáithí Sproule. Der Mann aus Derry hat in einigen angesehenen Bands gespielt und ist an Dutzenden von Alben beteiligt. Er ist Mitglied von Altan, wo aber die Sängerposition besetzt ist. Dies mag bei der Entscheidung mitgespielt haben, sein drittes Soloalbum ausschließlich Songs zu widmen, die er schon immer mochte. Dáithí Sproule lebt und unterrichtet seit vielen Jahren in Minnesota/USA.

Für The Lost River, Vol. 1 hat er sich zwölf Songs ausgesucht und sie jeweils für sich und ein oder zwei musikalischen Freunde neu arrangiert. Unter den Gästen sind zahlreiche international bekannte Leute, speziell Liz Carroll und Randal Bays aus den USA. Der letzte Track ist eine Live-Aufnahme mit Altan.

Die Songs haben wenig mit dem gemein, was man seit den Clancys und den Dubliners so unter irischem Liedgut versteht, denn die haben oft gekürzt oder geglättet, um einen Song peppiger zu machen. Nicht so hier. Es gibt (mit einer Ausnahme) keine Mitsing-Refrains, keinen mehrstimmigen Gesang, dafür Texte, denen man ihr hohes Alter anhört, Balladen mit zahlreichen Strophen und insgesamt den feinen Charme von Dingen, die Jahrzehnte bis Jahrhunderte alt sind.
Dáithí Sproule singt auf irisch und auf englisch, wobei sein deutlicher Ulster-Akzent zum Vorschein kommt. Er hat eine recht hohe, feine Stimme, der das gewählte Material gut entspricht. Eirigh Suas, A Stoirin wird vielen in der Interpretation von Clannad bekannt sein. Die anderen Titel sind weniger verbreitet. Der Sänger lernte sie von Freunden oder von Schallplatten. Bei zwei Liedern schrieb er Melodien zu entdeckten Texten, die sich nahtlos einfügen. Deutlich wird in jeder Interpretation seine enge persönliche Beziehung zu den Liedern. Manchmal ist die Trennlinie zwischen warmer, emotionaler Gestaltung und Sentimentalität schwer zu ziehen, aber dem Interpreten sei die Freiheit erlaubt, die Liebe zu seinen Favoriten auch spürbar auszudrücken. Schön wäre, wenn die Texte zumindest online zugänglich gemacht würden.

Die Arrangements und die instrumentale Ausführung sind vom Allerfeinsten, wobei man besonders auf die Gitarre achten sollte. Unser Mann ist ein Pionier der sog. offenenen Stimmungen, die den Liedern kein Dur/Moll-Gerüst aufzwingen. Im Einleger ist genau angegeben, wo DADGAD und wo DGDGHD zum Einsatz kommen. Mit sehr bedacht gewählten Akkorden und raffinierten rhythmischen Anpassungen unterstreicht er die Melodie. Die Gitarre ist meist relativ weit nach vorn gemischt, so dass sie nicht nur begleitet, sondern einen selbstständigen Part abgibt. Mit Hilfe der GastmusikerInnen gibt es eine solche Fülle von Variationsmöglichkeiten, dass auch die längste Ballade interessant bleibt. Zu hören sind weitere Gitarren, Fiddles, Mandoline, Bass und Knopfakkordeon, allesamt technisch brilliant und kreativ, aber sparsam eingesetzt. Besonders gut gefällt mir die Tin Whistle von Laura McKenzie (Bold Doherty) und der hörbare Stepptanz (The Maid of Ballydoo).

Geschichten von Liebe und Leidenschaft, einer Meerjungfrau und mutigen Seeräubern künden von den alten Zeiten. Man könnte sich in die Vergangenheit träumen, wäre da nicht das Gitarrenspiel, das absolut auf der Höhe der Zeit ist. Allen, die sich für Instrumentalbegleitung interessieren, speziell den Gitarristen, ist die CD zu empfehlen.

Trackliste

  1. Is Fada Liom Uaim I
  2. The Unquiet Grave
  3. Casadh an tSugain
  4. The Maid of Ballydoo
  5. Eirigh Suas, A Stoirin
  6. Bold Doherty
  7. On the Banks of A River
  8. The Dreary Parting
  9. The Colleen Roo
  10. An Mhaighdean Mhara
  11. Andrew Barton
  12. Lynchehaun

 

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kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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