Deep End of the Ford ~ An Táin (2010)

An TainHört man in den jüngsten Silberling der Folk-Avant-Gardisten, Deep End of the Ford (DEOTF), muss man konsterniert feststellen, dass diese Facette des Folk viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Angebot und Nachfrage scheinen sich bei dieser Form der sonstigen Unterhaltungsmusik jedoch in Grenzen zu halten. Hört man allerorts Off-Beat-wütigen Brüll-Folk, traditionelle Schunkelfolklore mit verstimmten Instrumenten oder Vierkopfbesetzungen, die erst unlängst zu den Instrumenten griffen, bietet An Táin den schwersten und diffizilsten Hörgenuss, den Celtic Rock mir bisher geboten hat.

Statt Drums, Bass, Gitarre und obligater Fiddle warten die fünf Herren mit gänzlich ungewöhnlicher Instrumentation auf: Mit Akkordeon, Bass-Klarinette, Saxophone, Piano, Violine, Whistles, einer Abart des Dudelsacks, synthetischen Klängen und eindringlichem Gesang warten die Musiker mit einer Instrumentation auf, die wohl länderübergreifend ihresgleichen sucht.

Basierend auf einer 2000 Jahre währenden und erst im 12. Jahrhundert im Book of Leinster niedergeschriebenen Überlieferungstraditionen, greift DEOTF also auf einen Stoff zurück, der selbst irischen Muttersprachlern die Haare aus den Ohren treiben dürfte. Freunde der irisch-sprachigen Mediävistik dürfte dieses Werk inhaltlich wahrscheinlich wohlige, semantisch-kulturelle Schauer über den Rücken jagen, indes dem Sprachunkundigen einzig die Musik bleibt.

Der Gesang des Frontmanns, Lorcán Mac Mathúna, ist von beinahe spirituell-priesterhafter Eindringlichkeit. Indes also wahrscheinlich von irischen Geschlechtern, einstigen Mythen und gewaltigen Wesen berichtet wird, scheint dem Unwissenden als sei er in einen prächristlichen Ritus geraten – als müsse den Boxen der heimischen Anlage Druiden entwachsen. Die eindringliche Kraft des Gesangs wird dabei von unfassbar experimentierfreudiger Instrumentation in wahrscheinlich prosodischer Einheit unterstützt. Dabei gelingt DEATF ein wahrer Geniestreich. Der Pathos des antiquiert wirkenden, sphärischen Gesamtklangs entwächst dabei einer Instrumentation, die alles andere als veraltet ist.

The sorcerous distortions wird durch Klarinette und Akkordeon beinahe orchestral unterlegt, indes die Violine in Sechzehnteln diesen Klang nicht nur unterstützt. Der Bogen der Geige scheint weitestgehend ungespannt, so dass neben den Klängen der Doppelsaiten auch das Kratzen des Bogenholzes auf den Saiten rhythmisiert. Dabei legen alle Instrumente eine spielerische Perfektion an den Tag, die, in Wechselwirkung mit der ungemeinen Innovationswut der Musiker, die Selbsternennung zur Avant-Garde ausdrucksstark unterstreicht.

Deep End Of The Ford
Deep End Of The Ford

Dabei verzichten die Herren jedoch nie auf einfachere, folkloristische Elemente. So finden sich durch den Dudelsack vorgetragene Quasi-Reels als Ouvertüre zum nächsten pathetischen Stück, aber auch Fiddlesequenzen, die sich in den Gefilden des volksliedhaften Folk wohlfühlen würden.

An Táin ist ein Album auf technisch virtuosem Niveau. Betrifft dies in vielen Bands immer nur Einzelmusiker, so ist bei DEOTF festzustellen, dass ausnahmslos jeder Musiker den Genius gefressen zu haben scheint. Sich eines solchen Stoffes anzunehmen, erfordert nicht wenig Mut, ebendiesen dann aber auch noch in solch musische Gewandung zu packen, zeugt von musischer Integretität, die einzig das Kunstwerk und nicht den Rezipienten in Augenschein zu nehmen scheint. Wer sich an bisher-Ungehörtes wagen will, ist mit diesem Album bestens beraten. Wer indes auf stereotype Abläufe (à la Strophe-Refrain-Zwischenteil), auf eingängigen Sofort-Genuss und wohlfeile Schunkelmusik nicht verzichten mag, ist mit diesem Silberling vollkommen falsch beraten. Dieses Album verdient es nicht nur, in absoluter Ruhe konsumiert zu werden – es kann nicht anders gehört werden. Der Facettenreichtum, die ungeheure Bandbreite an beispielhafter Innovation, das Miteinander von Alt und Neu in perfekter Symbiose ist nichts für schwache Nerven. Wer sich aber durch dieses Album kämpft, denn nichts anderes scheint der erste Hörgenuss zu sein, wird reichlich entlohnt. Gleich einem Entdecker betritt der geneigte Hörer nun ein Neuland, dessen scheinbare Wildheit ein Höchstmaß an ästhetischer Harmonie darbietet. Wagt diesen Schritt!

 

Tracklist

  1. The pillow talk
  2. The prophesy of Fidelm
  3. The slighting of Cú Chulainn
  4. Cú Chulainn’s sleep
  5. The sorcerous distortions
  6. Dinnseanchas
  7. The manipulation of Ferdia
  8. Caoineadh Fherdia
  9. Scread Ceann Sualtaim
  10. The rut and carnage

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