Fiddle Folk Family ~ oT (2004) / Ungeschieden, ungekämmt, ungehört (2010)

Cover der aktuellen fff-CDMusizierende Familien können furchtbar sein. Es gab da mal in den Neunzigern eine Sippe mit großem Chart-Erfolg in Deutschland…Zugegeben, ich hatte gewisse Vorbehalte, als die beiden CDs der Fiddle Folk Family ihren Weg zu mir gefunden hatten. Alle Skepsis war aber schon nach dem ersten Hören verflogen.

Den drei f’s des Gruppennamens kann ich mühelos weitere hinzufügen: frech, fetzig, fünfköpfig, furios, fulminant. Beide Scheiben sind live-Mitschnitte und beweisen nicht nur den hohen musikalischen Standard, sondern auch eine Menge ungebremste Spielfreude und Spielwitz. Wer je die Aufnahme eines eigenen Konzerts angehört hat, wird würdigen können, was um die zwanzig nahezu perfekt eingespielte Tracks für eine Leistung sind.

Die Eltern Klingner begannen 1976 bei der Gruppe Tonkrug und pflegen seither gute Kontakte zur Leipziger Folkszene. Damals boomte auch der Folkstanz, der nach schwungvoller Livemusik verlangte. Die meisten Stücke der fff gehen ebenfalls in die (Tanz-) Beine. Mutter Bettina hat als Tochter eines Musiklehrers das Geigenspiel offenbar mit der Vatermilch eingesogen. Familienoberhaupt Andreas (Gitarre, Gesang) ist für die deutschen Texte und den Hang zum amerikanischen Sound verantwortlich.

Bei der Verteilung der musikalischen Begabung hat der Klingner-Clan offenbar unverhältnismäßig abgesahnt. Die Eltern verstanden außerdem, ihren Kindern den Spaß an Folkmusik und Lust zum Üben zu vermitteln. Die Familien-Band besteht seit 2003. Was Stephan, Simon und Felix trotz ihrer jungen Jahre abliefern, ist schon schwindelerregend. Stephan spielt Geige, Mandoline, Banjo und singt, Jazzer Simon studiert Kontrabass und ist damit der einzige Profi. Junior Felix holt Unglaubliches aus seinen Flöten heraus. Fähiger Nachwuchs ab dem Teenager-Alter wendet sich nicht oft dem akustischen Folk zu. Umso angenehmer, hier mal die Ausnahmen zu hören.

Was die Fünf aus Sachsen sonst auszeichnet, ist die gelungene Verbindung verschiedener Einflüsse. „Gute-Laune-Musik aus Deutschland, Irland, Amerika und Kleingöhrenz zum Mitsingen und Mittanzen“ steht auf dem ersten CD-Einleger, was es recht genau trifft. Egal, wo ein Stück herkommt, es swingt und groovt. Entsprechend geht das Publikum mit.

Der ein- bis mehrstimmige Gesang überzeugt, die Stärke liegt aber eindeutig auf den Instrumentalpassagen. Alles sehr sauber, mit tollen Harmonien und pfiffigen Variationen. Den Vorwärtsdrang liefert der „walking bass“ mit treibenden Achteln in Kombination mit einer flexiblen Rhythmusgitarre.

CD 1: fiddle folk family

Das Erstlingswerk existiert nur noch in Restexemplaren und ist daher nicht mehr im Verkauf. Die Liebe zur irischen Musik war für die Band zu der Zeit noch eine neue Errungenschaft, die Reels und Hornpipes sind deutlich in der Unterzahl. Genauso fetzig wie die beiden Trinklieder mit „W“ sind die alten Deutschfolk-Hits wie Ford’re niemand mein Schicksal zu hören von Zupfgeigenhansel oder Gute Nacht, auf Wiederseh’n Marie – nur halt weniger bekannt. Bei den deutschen Texten gewinnt das Aufmüpfige die Oberhand, Erinnerungen an altbackenes Volksgut sit mit Bluegrass und Dixie-Anklängen schnell wieder wegggeblasen. Drollig ist das Montana Cowgirl, von Felix damals noch im Sopran gesungen, oder der Wechselgesang mit dem Papa bei Im Grunewald ist Holzauktion samt Tanzansagen. Aus der frühen Folk-Zeit sind Schalmei und Brummtopf im Instrumentarium geblieben und setzen witzige Akzente. Bodhran hat ja schließlich jeder… Die Geiger toben sich aus bei Mamou Two Step oder Drag that Fiddle. Die live-Atmosphäre ist eingefangen, der Sound ist passabel, aber verbesserungswürdig.


CD 2: ungeschieden, ungekämmt, ungehört

Vor ausverkauftem Haus wurde im Januar 2010 die aktuelle CD im Leipziger Schille-Theater eingespielt. Der irische Anteil hat sich erhöht, das Konzept aber nicht groß verändert. Die Überschneidungen mit dem Erstling lassen Vergleiche zu: die Arrangements haben sich weiter ausdifferenziert, staunenswerte Soli sind hinzugekommen.

Die Fiddelei tritt aufnahmetechnisch etwas zurück, Felix an den Flöten steht stärker im Mittelpunkt und das nicht zu Unrecht. Er rehabilitiert die Blockflöte mit tollen Einlagen, so dass man das Kinder-Quäl-Instrument von einer neuen Seite erleben kann. Die hinzugekommenen Jigs und Reels sind sehr flott und werden in die deutsch-amerikanische Spielweise integriert. Wie nahe sich irische und deutsche Musik manchmal sind, zeigt der Polka – Set. Was nun aus Kerry und was aus Mecklenburg kommt, ist höchstens am eingestreuten Text zu unterscheiden. Zaghaft kommen Ansätze eigener Autorenschaft zum Vorschein: hier mal ein paar Strophen, dort mal ein Walzer für Molly Malone. Das wäre sicher ausbaufähig.

Tochter/Schwester Christiane, die nicht mehr in Sachsen lebt, singt als Gast die schottische Ballade Eppie Morrie. Mit druckvollem Arrangement inkl. Cajon werden auch ca. 18 Strophen nicht langweilig. Im Lauf des Abends spielt die Family sich richtig warm, bei so viel Schwung kommen auch die viel gespielten Hits gut rüber. Trotzdem würde ich mir bei den irischen Songs und Tunes mehr unverbrauchtes Material wünschen.

Der Klang ist gegenüber der ersten CD deutlich verbessert, aber immer noch etwas statisch. Die Mandoline bleibt unverdienter Weise im Hintergrund. Schön wäre für die Zukunft mal eine Studioaufnahme, bei der die einzelnen Stimmen und Instrumente besser zu mischen sind. Zugegebenermaßen mehr Aufwand – aber wenn man so spielen kann …

Bei der gebotenen Qualität stellt sich die Frage, warum die fff landesweit höchstens den Besuchern des Festivals in Rudolstadt ein Begriff ist. Eine Antwort könnte sein, dass die Sachsen sie ungern aus ihrem Freistaat rauslassen. Dort sind sie jedenfalls öfter zu hören.

Für Kopien irischer Bands oder historischen Tiefsinn sollte man sich anderswo umschauen. Für eine höchst unterhaltsame Zeit ist man bei der Fiddle Folk Family goldrichtig.

Trackliste

fiddle folk family

  1. Scotland
  2. Lustig, lustig, ihr lieben Brüder
  3. Ford’re niemand mein Schicksal zu hören
  4. Cooley’s Reel
  5. Lord of the Dance
  6. The Heaven’s Gate Waltz
  7. I Tell me Ma
  8. Hornpipe
  9. Frisch auf ins weite Feld
  10. Die Geige
  11. Polonaise
  12. Es, es, es und es
  13. Whiskey in the Jar
  14. Es hat ein Bauer ein schönes Weib
  15. Mamou Twostep
  16. The Wild Rover
  17. Im Grunewald ist Holzauktion
  18. Montana Cowgirl
  19. Drag that Fiddle
  20. Gute Nacht auf Wiedersehn Marie
  21. In unserem Walde singen die Vögel
  • When the Saints
    Von den blauen Bergen

ungeschieden, ungekämmt, ungehört

  1. The Teetotaller
  2. Lord of the Dance
  3. The Irish Washerwoman
  4. In Dublin’s fair City
  5. Ford’re niemand mein Schicksal zu hören
  6. Maid behind the Bar / Cooley’s Reel / Kilmaley
  7. Eppie Morrie
  8. Keep on the sunny Side
  9. Der Bauersmann aus Dithmarschen
  10. Gute Nacht auf Wiedersehn Marie
  11. Scotland the Brave
  12. Im Grunewald ist Holzauktion
  13. Whiskey in the Jar
  14. Was wollen wir trinken
  15. Drag that fiddle
  16. I saw the Light
  17. Kerry Polka / Lott is dood / Denis Murphy’s Polka
  18. Was woll’n wir auf den Abend tun

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kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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