Jimmy Kelly & The Street Orchestra ~ Viva La Street (2013)

Viva La Street
Viva La Street

Mit Möwengeschrei und Meeresbrandung eröffnet die Hommage der Straße, der sich, aus bedrohlicher Ferne erklingend, der wagnereske Basston einer Tuba hinzugesellt, ehe sich Streicher, Hi-Hat-Schläge und Banjo dem Refugium ergeben. Beinahe mahnend erhebt sich Kellys Parlando über die Klänge seines Orchesters, um nach der ersten Strophe in einen Refrain mit Kinderchor zu münden. Nach diesem tragen das voll erklingende Schlagzeug und die Tuba rhythmisch durch die Strophen, indes sich Kellys Sprachgesang zum beinahe wütenden Klagen erhebt, um mit vollster Klanggewalt neuerlich in einen Refrain zu kulminieren. Ebd. erfährt in seiner Wiederholung neuerlich eine Modifikation, die insbesondere dem Kinderchor gut zu Ohr steht. Der anschließende, von den Streichern getragene Ruheteil zeugt, wie jeder Takt zuvor, vom Arrangement-Genie des namenhaften Frontmanns. Der Opener, supersailor, erweist sich damit als wahrer Hymnus.

Mit dem zweiten Titel, new york, begibt sich das musische Konglomerat in gemäßigtere Gestade. Wiewohl Kellys kraftvolles, von beinahe Shouting-ähnlichen Zügen gekennzeichnetes Singen durchaus als rotfadiges Charakteristikum durch das Album führt, weiß das bunte musikalische Miteinander bei jedem Titel zu überraschen. Sehnsüchtelte sich der erste Titel noch mit brachialer Gewalt in das Ohr, so überzeugt new york durch die Kunst der Beschaulichkeit. Während der Chorus, umrahmt von einem Glockenspiel, schier endlos „in new york“ vor sich hin repetiert, gedeihen Cello, Blechbläser und Violine in trautem, abwechselnden Miteinander in wohlfeile Symbiose – künden von Fernweh, Wiedersehensfreude und lieblicher, von intensivstem Vibrato getragener Melancholie.

Take my heart schlägt dahingegen fast stereotypisierte Schunkelverse vor, die in ihrer Dosierung viel mehr von der Kunst des musikalisch Vielfältigen, denn dem Einfältigen zeugen. Das Akkordeon liefert sich im Unisono mit dem Banjo ein illustres Stell-Dich-Ein, die Violine löst beide ab, indes sich das Glockenspiel durch die Strophen tropft. Kelly und die singende Dame an seiner Seite beterzen – und -circen einander, dass sich die Intuition ganz dem Prinzip Harmonie hingibt, um im Vokalende ihre beinahe zwingende kussähnliche Auflösung zu finden.

Diesem Ruhepol schließt sich dance an, das ebenso mit leisen Klängen eröffnet, die sich zur Mitte des Stückes in ein taumelndes Accelerando stürzen. Ein Ohhhhh-lautmalender Chor umrahmt das gleichmelodiöse Spiel von Fiddle und Whistle – und Kelly erhebt sich neuerlich zu vokalen Höhenflügen.

Eyes on the ball, der Folgetitel, eröffnet mit einer schluchzenden Geige in feinster Gypsy-Manier. Eine Klarinette wehklagt sich durch den Tanzreigen, der Gesang ergibt sich den Terzen und die Tuba walkt sich durch die Strophen, indes Akkordeon und Trompete die vokalen Leerstellen unaufgeregt füllen.

Viva La Street ist ein Meisterwerk der Vielfalt, ein Refugium der Stille, ein Tanzprojekt sondergleichen. In Zeiten inflationären Gebrauchs von Maximalismen wird Kellys Orchester den Ansprüchen ebd. mehr als gerecht. Wer auf Folk- und Weltmusik steht, sollte sich dieses unbändig spielfreudige und Genregrenzen überschreitende Album nicht entgehen lassen: Ein Juwel!

 

Trackliste

  1. supersailor
  2. new york
  3. take my heart
  4. dance
  5. eyes on the ball
  6. we got love
  7. hold my hand
  8. go go go
  9. superstar
  10. warriors of love
  11. l’amour

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