Julien Jaffres ~ Rock ’n Celtic Guitar (2012)

Eine E-Gitarre ist eine E-Gitarre. Was kann man an Leo Fenders folgenreicher Erfindung keltisieren? Es ist denn auch weniger die Spieltechnik, die das Album des jungen Bretonen von denen anderer Gitarreros unterscheidet. Julien Jaffrès schafft durch traditionelle Melodik und poppige Arrangements einen Sound, in dem sich Keltophile gleich zu Hause fühlen können.

Der Klangeindruck ist breitwandig und absolut Mainstream-kompatibel, würde also auch der Hörerschaft unserer Verkehrsfunk-Sender gefallen. Rhythmusgruppe und Keyboard bilden das Fundament; Percussion und Gastinstrumente wie Pipes oder eine klassisch gespielte Violine tragen wie die Gesangsstimmen, männlich und weiblich, zu einer akustischen Wohlfühl-Umgebung bei. Trotz des Titels ist nicht sofort zu erkennen, dass es sich um das Soloalbum eines Gitarristen handelt. Die schnellen Läufe und singenden Soli beherrscht Julien Jaffrès natürlich in beeindruckender Weise – schließlich muss er mit tausenden kritischer Gitarristenkollegen rechnen. Er hat aber ebenfalls eine tolle Stimme.

Neben der Bretagne wird demonstrativ auch auf andere keltische Gegenden Bezug genommen – das hat auch Alan Stivell, Vater des bretonischen Revivals und Inspirationsquelle für Jaffrès, schon so gemacht. Das Stivell-Cover Suite Sud Armoricaine ist für mich der stärkste Track, rockig und vielseitig, den starken traditionellen Part mit eigenen, überraschenden Wendungen kombinierend. Bei Raok kit ist Gitarrist Dan Ar Braz dabei, der ebenfalls mit Stivell zusammenarbeitete. Auch an Malicorne oder Tri Yann kann man sich erinnert fühlen. Raffinierte Improvisationen und Breaks lassen selbst Scotland the Brave und die Melodie von „Was wollen wir trinken“, Son Ar Chistr, nicht ganz so banal erscheinen. Jaffrès lässt es aber nicht beim Nachspielen bewenden, sondern schreibt auch eigene Songs und Instrumentaltitel, die sehr eingängig sind.
Ich hätte beim Erscheinungsjahr nicht auf 2012 getippt. Der Bombast-Sound und das Pathos der Schlusshymne Last Time erinnern doch stark an das, was in den 1980er Jahren oder noch früher angesagt war. Beim rockigen Orgel-Sound im Morrison’s Jig kommen Erinnerungen an Deep Purple hoch. Etwas moderner wird es bei einer Rap-Einlage in Me glev ar c’hant, die aber sehr moderat und unaggressiv rüberkommt. Jaffres arbeitet oft mit wiederholten Melodielinien, deren harmonische und rhythmische Begleitung er wie in Highlander leicht variiert. Manchmal verlässt er sich zu stark auf die Wirkung seiner Melodie, so dass sich beim Hören Ermüdung einstellt. Alles ist aber absolut professionell gespielt und produziert, obgleich manchem Rockfan der richtige „Biss“ fehlen wird.

Ein Album, dass man gut mehrfach hören kann, wobei die Aufmerksamkeit nicht allzu stark gefordert wird. Vermutlich wird der Sohn einer Musikerfamilie seinen Weg fortsetzen und sich dann stärker musikalisch von der älteren Generation abkoppeln. Sechsstellige Zugriffe bei youtube belegen, dass er in Frankreich bereits recht populär ist.

Trackliste

  1. Raok kit
  2. Deus geltia
  3. Sweet Sorrow
  4. Me glev ar c’hant
  5. Ar c’halv deus ar speredou
  6. Suite sudarmoricaine
  7. Catching Memories
  8. Highlander
  9. Nouveau monde
  10. Rock’n Celtic Guitar (Impro)
  11. Rock’n Celtic Guitar (Scotland the Brave, Son Ar Chistr)
  12. Rock’n Celtic Guitar (Morrison’s Jig, Julian’s Jig)
  13. Last Time

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kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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