Lady Godiva ~ Diskografie (1996-2004)

Wer bereits in den 90ern in der deutschen Folk-Szene unterwegs war, dürfte mit Bandnamen wie FIDDLER´S GREEN, PADDY GOES TO HOLYHEAD, oder ACROSS THE BORDER bestens vertraut sein. Fällt aber mal der Name LADY GODIVA, schaue ich oft in ratlose Gesichter. Tatsächlich würde ich diese aus dem Sauerland stammende Band definitiv als „Germany´s Most Underrated Folk Punk Band“ bezeichnen, denn bei der musikalischen Qualität, die LADY GODIVA bis zu ihrer Auflösung vorzuweisen hatten, ist es in meinen Augen eine schreiende Ungerechtigkeit, dass sich keine größeren Erfolge einstellen wollten. Während FIDDLER´S GREEN mit ihrer Musik heute gutes Geld verdienen, kennt LADY GODIVA immer noch kein Schwein. Um so sympathischer finde ich es, dass die Jungs inzwischen in leicht veränderter Besetzung unter dem neuen Namen KINGS AND BOOZERS weitermachen, just for fun, mit oder ohne kommerziellen Erfolg. Damit die als LADY GODIVA veröffentlichten Tonträger nicht in Vergessenheit geraten, möchte ich euch nachfolgend einmal alle Alben, sowie die kurz vor der Auflösung veröffentlichte Live DVD vorstellen. Das es dabei nicht nur Lob, sondern auch mal Kritik hagelt, wird mir die Band sicherlich nicht nachtragen, denn gerade das erste Album „Whiskey You´re The Devil“ klang noch relativ holperig. Genug der vielen Worte, HERE WE GO!!!

„Whiskey You´re The Devil“ CD (1996)

Wer die späteren LADY GODIVA Alben kennt, dem wird auffallen, dass die beiden Sänger Andreas Beckmann und Thomas Rünker (der in erster Linie für die Tin Whistle zuständig war) noch nicht so recht mit ihren Stimmen umzugehen wissen. Immer wieder werden Töne versemmelt, was mich vermuten lässt, dass man es bei der Produktion etwas zu eilig hatte. Die Arrangements von Gitarre, Bass, Banjo, Mandoline, Geige, Akkordeon, Tin Whistle und Schlagzeug sind nicht wirklich optimal aufeinander abgestimmt, sodass die Truppe manchmal ziemlich wild durcheinander dudelt. Die Tatsache, dass man damals noch auf vollverzerrte E-Gitarren verzichtet hat, würde ich positiv bewerten, wenn man anstatt der schrammeligen unverzerrten E-Gitarre eine Akkustikgitarre verwendet hätte. Was das Songwriting angeht, so hat man sich offensichtlich von Bands wie den Pogues, Whisky Priests oder The Men They Couldn´t Hang inspirieren lassen, allerdings sind die meisten Kompositionen zwar ganz nett, aber auch irgendwie belanglos. Wenn man bedenkt, dass die Jungs bei den Aufnahmen dieser Platte ihre Instrumente erst zwei Jahre vorher zum ersten mal in der Hand gehalten haben (siehe KINGS AND BOOZERS im Interview), sind Nummern wie „Summer Is Back In Town“, „Boys From The Port“ oder „Whiskey Train“schon beachtlich, aber eine Band, die ihr Debut direkt auf einem Label veröffentlicht, wird eben nicht als „hoffnungsvoller Nachwuchs“ beurteilt, sondern muss sich der harten Konkurrenz stellen. Wirklich überzeugen kann mich auf „Whiskey You´re The Devil“ lediglich der Überhit „Irish Girl“, der zwar nicht perfekt eingespielt wurde, mich aber als Komposition dermaßen aus den Socken haut, dass alle Versuche gegen einen Dauerohrwurm anzukämpfen bisher fehlgeschlagen sind. Der Song zählt zu den besten Folk-Rock Balladen die ich je gehört habe und liefert einen Vorgeschmack auf die Qualität, die uns auf den folgenden Alben erwartet.

„Tales Of Kings And Boozers“ CD (1998)

Auch wenn „Tales Of Kings And Boozers“ soundtechnisch fast an das Debut Album anschließt, so ist die qualitative Steigerung doch beachtlich. Schon der Opener „Honour Of A King“ überrascht im Refrain mit hervorragend aufeinander abgestimmten zweistimmigen Gesangsharmonien, vorgetragen von zwei brillianten Sängern. Andreas Beckmann singt einen kraftvollen, tiefen Bariton, während Tin Whistle Spieler Thomas Rünker seine leicht rauhe Stimme in einem leichten Vibrato erklingen lässt. Auch die instrumentalen Arrangements sind deutlich ausgereifter und beschränken sich auf das wesentliche, wodurch die Songs weniger breiig und chaotisch klingen, wie diverse Lieder auf „Whiskey You´re The Devil“. Das zweite Lied „Mary“ hat bereits alles was die typischen Lady Godiva Hits der späteren Alben ausmacht; ein mörderisches Tempo, ganz viel irischen Charme, einen leicht morbiden Text und natürlich ganz viel Popappeal. Spätestens bei der dritten Nummer, einer grandiosen Version des Traditionals „Beer, Beer, Beer (God Bless Charlie Mopps)“, begreife ich, was für eine unglaubliche Entwickelung diese ehemaligen Folk-Punk-Delittanten innerhalb von 2 Jahren gemacht haben. Spätestens beim Refrain bin ich nicht mehr zu bremsen und hopse durch die gesamte Wohnung, bis meine Frau nur noch besorgt mit dem Kopf schüttelt. Mit „Another Robin Hood“ bekommt man als nächstes eine grandiose Eigenkomposition im flotten Dreier Takt geboten, die so geniale Melodien und Harmonien zu bieten hat, dass ich erstmal fälschlicherweise davon ausgehe, es mit einem mir bislang unbekannten Traditional zu tun zu haben. Weitere selbstgeschriebene Songs wie „Smell The Flowers“, „King Of My Mad Brain“ oder „Love Song“ können den hohen Standart der ersten vier Songs zwar nicht ganz halten, sind aber immer noch um Längen besser, als die meisten Lieder des ersten Albums. Mit „Girl From Galway Bay“, „The River“ und „The Funeral Day“ gibt es dann nochmal drei absolute Überhits, an denen ich mich kaum satthören kann. Da treffen melancholische Klänge auf Wildheit, die direkt in´s Tanzbein fährt und zum Mitsingen animiert. Zwar hätte ich auch für diese 15 Aufnahmen eine akkustische Gitarre bevorzugt, doch bei dieser tollen Gesamtleistung an Kleinigkeiten herumzumäkeln wäre Gejammer auf höchstem Niveau. Mit „Tales Of Kings And Boozers“ endet schließlich die erste Lady Godiva Epoche, denn mit dem Nachfolger „Red Letter Day“ wird sich vieles ändern.

„Red Letter Day“ CD (2002)

Schon nach wenigen Sekunden hört man deutlich, das sich im Lager der „Reitenden Ladies“ so einiges getan hat. Die verzerrten E-Gitarren sorgen für einen höheren Punk-Anteil, die Arrangements könnten nicht besser aufeinander abgestimmt sein und die Gesänge sind so perfekt, dass das Gesamtergebnis absolut Radio tauglich ist. Mit Martin Meinschäfer als Produzenten hat die Band einen wahren Volltreffer gelandet, denn einen besseren Sound kann man aus einer Folk-Punk-Truppe sicherlich nicht rausholen. Auch wenn man auf das Songwriting achtet, fällt einem die erneute Steigerung seit den letzten Aufnahmen direkt auf. Die Lieder variieren meist zwischen schwermütig („Remember The Time“, „The Incredible Story Of A Busker“), fröhlich („Gamblin Again“, „Whiskey Johnny“, Bleeding Scarves“) und hymnenhaft („The Old Man´s Tale“, „Spancil Hill“). Der Ohrwurmfaktor ist überdurchschnittlich hoch und auch nach mehrmaligen Anhören sind nicht einmal die kleinsten Patzer heraus zu hören. Lediglich zwei Nummern treffen nicht so 100 prozentig meinen Geschmack. Das an die früheren Songs erinnernde „Brazen Rascals“, das mit einem prolligen Poser Text daher kommt hat deutlich weniger Charme als der Rest der Platte. Auch die Irish Punk Version des Colt Seavers Hits „The Unknown Stuntman“ kann mich nicht wirklich aus den Socken hauen, was natürlich auch daran liegen könnte, dass die Versionen von Lee Majors, Smokestack Lightning und The Jancee Pornick Casino unmöglich zu toppen sind. Rockabilly und Country passen in diesem Fall einfach deutlich besser als Irish Folk oder Punk Rock. Die beiden Lieder als Aussetzer zu bezeichnen wäre aber mächtig überzogen, und der Rest der Platte gefällt mir so gut, dass ich dieses Album als die stärkste LADY GODIVA CD überhaupt bezeichnen würde. Immerhin beinhaltet „Red Letter Day“ auch die besten mir bekannten Versionen von „Spancil Hill“ und des Bob Dylon Klassikers „Death Is Not The End“.

„Zooperation“ CD (2003)

Der Sound der vierten und letzten CD von LADY GODIVA ist fetter und härter denn je. Auch in diesem Fall war wieder Produzent Martin Meinschäfer am Werk. Die Gitarre erinnert mich manchmal schon fast an Metal (und kombiniert mit Mandoline und Tin Whistle an „Mittelalter-Metal“), was mir in Verbindung mit fröhlichem Irish Punk ausgesprochen gut gefällt. Auch die Akkoreon Parts sind wieder ausgesprochen originell und beeindrucken mich schon im Opener „Path Of The Righteous Man“, in dem dieses Instrument für einen extrem tanzbaren Groove sorgt. Auch die Vielseitigkeit des Albums fällt sofort positiv auf. So experimentiert man dieses mal mit Country-Elementen („The Lady Rides Again“), akkustischem Gitarren-Pop („City Of Lights“) und mexikanischen Trompetenklängen („Back To The Hills Of Mexico“). Trotz des harten Gesamtsounds ist „Zooperation“ das wohl poppigste Album der Band. Lieder wie „In God We Trust“, „Go Around“ oder „Love Is All Around“ sind kein Folk-Punk im eigendlichen Sinne. Treffender wäre es wohl von Poppunk zu sprechen, der mit traditionellen Instrumenten angereichert wurde. Leider klingen die Texte nicht immer so ausgereift wie auf „Red Letter Day“. Manchmal entsteht der Eindruck, die Lyrics wären komplett unabhängig von der Musik entstanden, denn an manchen Stellen scheint es mehr Textsilben als dafür zur Verfügung stehende Töne zu geben, so dass der Gesang manchmal etwas holperig wirkt. Mehr Kritikpunkte fallen mir aber beim besten Willen nicht auf, auch „Zooperation“ gehört ganz klar in jede anständige Folk-Punk-Sammlung. Und wem der Sinn nach wirklich spaßig interpretierten Traditionals steht, der dürfte mit „Kensington“, „Springhill Mine Desaster“ und „Peggy Lettermore“ mehr als gut bedient sein. Leider handelt es sich bei diesem Album um das letzte Studiowerk von LADY GODIVA.

„Drink Dance Dangle“ DVD (2004)

Irgendwie erstaunt es mich immer ein wenig, wenn eine eigentlich eher unbekannte Band eine Live-DVD herausbringt. In diesem Falle haben Lady Godiva einen feucht-fröhlichen Konzertabend im Alten Schlachthof in Soest mitgeschnitten. Dabei lassen weder die Bild- noch die Tonaufnahmen irgendwelche Wünsche offen. Tatsächlich könnten sich viele bekanntere Bands eine dicke Scheibe von der hier gebotenen Qualität abschneiden. Musikalisch bekommt man einen bunt gemischten Querschnitt aus dem Repertoire der westfälischen „Iren“ geboten, wobei mir positiv auffällt, dass die Jungs auch ihre ganz frühen Werke einbringen, und diese, neu arrangiert, mit gesteigerter Härte und durchgetretenem Gaspedal zum Besten geben. Die mehrstimmigen Gesänge werden routiniert und perfekt dargeboten und was das Spielerische angeht, so gibt es keine Schnitzer zu verzeichnen. Was das Outfit der Musiker angeht, so muss ich sagen, dass ich Anzüge, Hemden und Krawatten schon immer viel cooler fand als Lederjacken, Nieten und Irokesenfrisuren. Ich bin also auch mit der Optik voll und ganz zufrieden. Dem Publikum hat es anscheinend genauso gut gefallen wie mir, denn vor der Bühne tanzen Fans aller Altersklassen wild durcheinander. Mir persönlich bedeutet diese DVD sehr viel, da ich meine erste LADY GODIVA CD erst nach der Auflösung der Band in den Händen hielt. Ein Konzertbesuch war also leider nicht mehr möglich.

Leider ist die DVD inzwischen ausverkauft, aber die Band hat uns freundlicherweise die exklusive Erlaubnis gegeben, einige der Songs auf unserem Youtube Channel zu zeigen. Ihr seid also herzlich eingeladen mal vorbei zu schauen.

Auch wenn die KINGS AND BOOZER mit Thomas Rünker als Sänger inzwischen das musikalische Erbe von LADY GODIVA angetreten sind, hoffe ich weiterhin auf eine Reunion der „reitenden Lady“! Thank you for the music, boys!!!

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joern

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