Lúnasa ~ Lá Nua (2010)

Am Anfang steht die Melodie, so will es die irische Tradition: allein z.B. auf einer Whistle oder von einem Dutzend Musikern gemeinsam in einer Session gespielt. Es gesellt sich die Harmonie dazu, mit den Drones der Pipes oder den Akkorden der Gitarre. Und dann kommen Lúnasa: die Band, die antrat, um den „rhythmischen Herzschlag der Melodien“ herauszuarbeiten und den Stücken quasi eine dritte Dimension zu geben.
Lunasa bestehen seit 1996 und sind für Viele das Maß der Dinge, was irische Instrumentalmusik angeht. Mit den Chieftains haben sie gemeinsam, dass sie ohne Gesang auskommen. Aber wo die reifen Herren um Paddy Moloney wie ein keltisches Kammerorchester wirken, sind Lúnasa eine Band.

Der Name stammt vom Gründungsmonat August, gälisch Lughnasa, dem Fest des Gottes Lugh gewidmet. Das Quintett entstand 1997 und erspielte sich in kürzester Zeit einen Weltruf. Von der Urbesetzung sind noch Sean Smyth (Fiddle) und Trevor Hutchinson (Kontrabass) dabei: Gitarrist Donogh Hennessy wurde von Paul Meehan abgelöst. Das Duo Michael McGoldrick (Flute) und John McSherry (Uilleann Pipes) stieg aus, trotzdem hat sich der Stil nicht durchgreifend verändert, da ihre Nachfolger mindestens ebenso kompetent sind. Der Sound wird jetzt von Kevin Crawford (Flute) und Cillian Vallely (Pipes) geprägt.

2010 legten Lúnasa diese siebte CD vor, deren Titel „neuer Tag“ bedeutet, was die Band auf das gerade begonnene Jahrzehnt bezieht. Vielleicht hat die Betonung des Neubeginns auch damit zu tun, dass Lá Nua der Erstling auf dem eigenen Label Lúnasa Records ist. Seit der vorigen Studio- Veröffentlichung waren vier Jahre vergangen. Die Aufnahmen wurden in der schönen Landschaft der Cooley Mountains gemacht, also beste Bedingungen für kreatives Arbeiten. Es entstanden zehn intensive instrumentale Tracks, sozusagen „Didely Didely“ pur. Nein, das ist nicht langweilig – wenn man das Handwerkliche schätzt und versucht herauszukriegen, was die Fünf da wirklich machen.

Zum einen sind sie instrumentaltechnisch über alle Zweifel erhaben. Zum anderen ist das Zusammenspiel unglaublich dicht. Beim 2. Reel habe ich mich gefragt, ob das ein Echoeffekt ist oder ob da zwei Whistles unisono spielen – offenbar ist Letzteres der Fall. Es fällt auf, dass Lunasa auf Percussion verzichten. Schließlich haben sie einen guten Gitarristen und – recht ungewöhnlich – einen Kontrabass, die zwar meist im Hintergrund agieren, aber eine ständige Spannung zu den drei Melodieinstrumenten halten. Die sattsam bekannte Aufteilung Melodieinstrumente/glatter Rhythmus – Begleitung /Gegenrhythmus wird auch mal auf den Kopf gestellt, wenn Flöte und Geige zwei Reels mit rhythmischen Verschiebungen über einen ruhigen Vierertakt legen (Unapproved Road). Mitunter ist ein Hauch von Balkan wie ehedem bei Planxty zu verspüren.

Als Fundgrube für alle Nach-Spieler wird frisches Material angeboten. Natürlich gibt es Jigs und Reels, aber nicht ausschließlich und nicht nur traditionell; Crawford und Vallely spielen eine Reihe eigene Tunes, aber auch andere neu geschriebene. Dazu kommen ein bretonischer und ein spanischer Set mit starken Melodien und und etwas abweichenden Rhythmen. Die Tempi sind entspannt, aber auch nicht langsam.

Die Arrangements sind darauf ausgerichtet, die Melodien grooven zu lassen. Jedes Set hat eine eigene Atmosphäre. Mit Ober- und Unterstimmen, langen Basstönen und kurzen Akkordanschlägen wird sehr viel Tiefe und Variation erzeugt, nichts wird einfach nur wiederholt. Gastmusiker verdichten den Sound, wobei insbesondere Gerry O’Byrnes National-Steel Gitarre auffällt. Kevin Crawfords wunderschönes „Tune for Dad“ im Set Island Lake hat das Zeug, dem Lonesome Boatman als „die“ irische Flötenmelodie Konkurrenz zu machen. Es kommen Herz, Temperament und ein enges Miteinander rüber.

Stark beeindruckt hat mich Lúnasas Konzert bei den Celtic Connections 2008 mit den Gästen Karan Casey, Sara Watkins und Kevin Burke, das auf dem irischen Sender TG4 zu sehen war. Ich bin gespannt auf ihren Auftritt in Lüdenscheid am 18.5. und werde Euch wissen lassen, ob sie ihrem Ruf als tolle Live-Band gerecht geworden sind.

Trackliste

1. Ryestraw
2. The Raven’s Rock
3. Tro Breizh
4. Fruitmarket Reels
5. Doc Holliday’s
6. Unapproved Road
7. Island Lake
8. Snowball
9. Pontevedra To Carcarosa
10. The Shore House

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kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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