Malasañers ̴ Malasañers (2013)

Malasañers
Malasañers

Begutachtet man die Titelliste, so wähnt man sich wie in einer Best-Of-Irish-Folk-Kollektion, derer es zuhauf gibt. Um im Mief der hundertausendsten Interpretation der sogenannten Klassiker nicht unterzugehen, muss also einiges aufgefahren werden. Dabei überrascht das aus Madrid stammende Quintett nicht mit einer auffälligen Instrumentation, denn mit Gitarren, Banjo, Bass, Schlagwerk und der obligatorischen Geige bestückt, heben sich Malasañers nicht vom Durchschnitt der folkloristischen Szene ab.

Selbiges Phänomen trifft aber ebenso auf Wegbereiter und gestandene Größen wie die Pogues zu. Und wie bei diesen lebt der Gesamtklang maßgeblich vom unorthodoxen Gesang vom Frontmann. Wiewohl sich optisch sehr wohl von Shane MacGowan unterscheidend, legen die fünf einen Leadgesang vor, der sich vor den Großen in keinster Weise unterscheidet, was Artikulation und Intonation angeht. So nuschelt die Frontstimme jedweden textlichen Zweifel ins Abseits, indes sich die Sangeskraft in einer angenehmen Mischung aus raubeiniger Ironie und Unorthodoxie verliert. Was hier zelebriert wird, ist jedoch nicht das durchschnittliche, punkähnliche Rumgebrülle das derzeit unglücklicher Weise so en vogue ist, sondern vielmehr ein dezidierter, eigener Stil, der sich nicht der Konvention des Vielgehörten unterwirft. Also kein überwichtiges Überartikulieren oder quasi-trunkenes Gekeife, das sich selbst zu erfinden nicht mehr imstande ist. Hier erklingt ein originaler Anti-Biedermeier.

Und auch im Rhythmus beugen sich die zwei Damen und drei Herren nicht dem musischen Zeitgeist stilistischer Vereinsamung, sondern verzichten auf das übliche Offbeat-Gepunsche und überzeugen durch zielstrebige Gradlinigkeit, die nebst Rhythmusgruppe auch vom Bass angenehm unverspielt vorgetragen wird. Dazu erklingen stahlbesaitete Lagerfeuergitarren, die auch auf technische Raffinesse verzichtet. Im Hintergrund pickt sich ein Banjo ins musische Gemüt, dominiert hier und da die musische Szenerie, um beim Einsatz des Gesangs zurückzutreten. Gleiches trifft auch auf die Mandoline und die Geige zu. Im Wechselspiel zwischen Unisono und Tremolo diffundierend, umspielen sich beide Melodieinstrumente in wohlfeiler Zurückhaltung.

Der Opener, Whiskey in the Jar, und der Folgetitel, The Irish Rover, drängen auf diese Weise ungemein nach vorn und vermitteln ein Live-Feeling, das sogar auf die üblichen Hintergrundgeräusche wie Applaus oder Pupgequatsche verzichten kann. Bisweilen erklingen Chorus-Passagen in vielstimmiger Ungenauigkeit. Zwischen unsteter Gleich- und uneindeutiger Vielstimmigkeit entfalten Malasañers eine ungemeine Spielfreude, die eben eines ist: Folklore im eigentlichen Sinne.

Wen technische Virtuosität anspricht, wird mit diesem Neuntitler nicht gut beraten sein. Wer aber auf ehrlichen und druckvollen Folk steht, der ist mit diesem Album bestens beraten. Keine üblichen Folk-Klischees, sondern unumwundene Direktheit – wie eine Nacht mit dazugehöriger Prügelei im alkoholträchtigen Etablissement des Heimatortes: Gradlinig gibt es die Musik (nicht auf die Nase, sondern) aufs Ohr. Und nach einer überstandenen, vor allem aber durchtanzten Nacht muss einfach alles wehtun! Kein Kitsch, sondern notwendige Selbstbezüglichkeit eines Genres, das sich immer mehr im Klischee verliert.

Trackliste

  1. Whiskey in the Jar
  2. The Irish Rover
  3. Dirty Old Town
  4. I’ll Tell Me Ma
  5. New York Girls
  6. The Wild Rover
  7. A Nation Once Again
  8. Fields of Athenry
  9. Horo, My Nut Brown Maiden

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