Nua ~ Both Sides (2011)

Wow – was für ein Einstand. Mit diesem Debüt stellen sich Núa in eine Reihe mit den Besten des Genres New Irish Folk. Both Sides – beide Seiten werden von der Energie der Musik berührt: die Spieler selbst ebenso wie die Zuhörenden. Das stellt Flötenspieler Alan Doherty im Beiheft zutreffend fest. Wie der Name sagt, eine neue Gruppe, wenn sich auch die Mitglieder schon in anderen Formationen einen guten Ruf erarbeitet haben. Würde ich zufällig bei einer Pubsession auf die Leute von Núa stoßen, rührte ich mich die kommenden Stunden nicht mehr vom Fleck. Derart intensiv ist der Sound, der ab den ersten Takten vor allem bei den Tunes rüberkommt, dicht, virtuos und druckvoll. Die Vier von Nua haben sich aus dem Westen, Süden und Norden Deutschlands zusammen gefunden, um ihren eigenen musikalischen Weg zu zu gehen. Die Chemie stimmt offenbar, so dass man die lange Anfahrt für jede Probe in Kauf nimmt.
Den Kern bildet das Tandem Michael Neumaier (Fiddle) mit Steffen Gabriel (Flute), beide trotz junger Jahre ganz große Könner an ihrem Instrument, mit eigenem Stil und durchaus Ecken und Kanten. Das Zusammenspiel gestaltet sich sessionmäßig, d.h. nicht jeder Ton muss genau gleich sein, es gibt Freiraum für Harmonien und Variationen, wodurch die Stücke sehr lebendig wirken. Was da so spontan klingt, wird aber eine Menge Probenarbeit gekostet haben.

Melodie:Rhythmus – nach Personen 2:2. Das könnte kritisch werden, falls Akkordbegleitung und Perkussion die Melodie erdrücken. Dies ist bei Nua aber nicht der Fall. Das harmonische und rhythmische Fundament legt Tobias Kurig an der Blarge, einer zehnsaitigen Bouzouki. Er spielt im doppelten Sinne vielsa/eitig, da er auch noch Melodielinien einfügt. Das Bodhrán-Spiel von Michaela Grüß passt prima dazu. Sie macht die Rahmentrommel durch Einsatz der linken Hand auf der Rückseite quasi zum Melodieinstrument, ohne den Drive zu vernachlässigen. Nicht nur deshalb ist sie eine Bereicherung des ursprünglichen Männertrios, sondern auch als Sängerin.

MichBalve10Von den 11 Titeln sind, den eigenen Stärken entsprechend, sieben Instrumentalsets, sorgsam zusammengestellte und im Beiblatt aufgelistete Tunes. Mich Neumaier stellt zwei eigene vor, die durch ungewöhnliche melodische Wendungen gefallen. Ein sehr schöner alter Slow Air ist dabei, wo die Flöte im Mittelpunkt steht, An Buachaillín Bán. Das Langsame ist ja oft das Schwerste.
Wer die begleitende Rolle hat, nimmt sich jeweils zurück, leistet aber trotzdem Beiträge, die den Gesamteindruck prägen. Dies gilt speziell für die Lieder. Michaela Grüß hat eine angenehme, aber nicht sehr kraftvolle Stimme. Ihre Songs sind nicht unbedingt traditionell oder irisch, auch Schottisches (alt) und Englisches (neu) ist vertreten.

Trotzdem zünden die Songs nicht in dem Maß wie die Tunes. Kate Rusbys William and Davy bleibt trotz eigenen Instrumentalparts etwas blass, Robert Burns’ Jamie gibt wenig Gelegenheit, die Stimme wirklich zu entfalten. Das Arrangement von P Stands for Paddy ist bewusst moderner gestaltet, die Gegenrhythmen und unerwarteten Harmonien lenken aber eher von der Melodie ab. Vielleicht habe ich aber auch schon zu lange die Planxty-Version im Ohr. Sehr viel Herz hat das abschließende Both Sides the Tweed, ein Duett mit Gastsängerin Daniela Messer, stimmig und sparsam vom Klavier begleitet .

Der Sound der CD ist hervorragend, was neben der Aufnahme in Telgte durch Wolfgang Brammertz dem Mixing und Mastering von Jürgen Treyz im Esslinger Artes-Studio zuzuschreiben ist. Ein feine Scheibe, der hoffentlich noch viele folgen werden.

Trackliste

  1. Reels: Monaghan Twig/Yellow Tinker/Music In The Glen
  2. William And Davy
  3. Rob’s: The Upperchurch/Jessica’s/The Hare In The Corn/Paddy Taylor’s
  4. Mich’s: The Different One/Tom King’s Latte
  5. Jamie
  6. Reels: Blackberry Blossom/Jackson’s Favourite/The Swallow’s Tail
  7. Jigs: Pathway To The Well/The Maid On The Green/Inis Bearachain #2
  8. An Buachaillin Ban
  9. P Stands For Paddy
  10. The Horsepipe: Mrs. Casey’s/John Brady’s/The Foxhunter
  11. Both Sides The Tweed

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kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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