Rhythmnreel ~ The Crossing (2009)

Sie könnten sich in kariertes Tuch kleiden: ihre Herkunft aus den Highlands tragen Rhythmnreel aber nicht demonstrativ vor sich her. Musikalisch nehmen sie den Weg von Schottland über die Irische See und auch über den Atlantik. Undogmatisch wechseln sie zwischen Pipe Tunes und Rocknummern hin und her und tun einfach, was sie gut können und was Spaß macht.

Die neunköpfige Combo ist schon mehr ein Kollektiv: es gibt nicht nur eine Rockband mit voller Besetzung samt einem Sänger an der akustischen Gitarre, sondern zusätzlich noch eine eher folkig geprägte Melodie-Fraktion. Die Tune Sets vom Walzer bis zum Reel daher nehmen relativ großen Raum ein. Bei den Songs auf der CD verzichten Rhythmnreel auf schottisches Material und schauen lieber über den Großen Teich, was für uns auf dem Kontinent eher unerwartet ist.

Obwohl die Gruppe schon über zehn Jahre besteht, gibt es neben der vorliegenden CD nur eine 6-Titel-EP zu erwerben. Rhythmnreel spielen offenbar lieber viele Gigs, gleich ob Highland Games oder Dorfgemeinschaftshalle, statt ins Studio zu gehen. Jedenfalls haben sie hörbar jede Menge Band-Erfahrung. Alle spielen „mannschaftsdienlich“, die Arrangements sind sehr clever, so dass jeder mal zum Zuge kommt.

Das Material ist auf Live-Tauglichkeit hin erprobt. Alle Tunes sind mit Namen und Verfasser/-in im Einleger aufgelistet, worunter auch zwei der Mitglieder sind. Frontfrau Catriona MacAffer hat das Spielen des Dudelsacks von ihrem Vater, einem Pipe Major, beigebracht bekommen. Bei ihr klingt das Instrument nicht so brachial, sondern lebhaft und schwungvoll. Ebenso setzt sie das Akkordeon ein. Nicht weniger als drei kompetente Leute wechseln sich an der Fiddle ab.

Nach dem Auftakt-Set mit den Pipes sorgt Steve Earle’s Galway Girl für gute Laune. Akkordeon und Whistle unterstreichen die US-irische Note. The Conundrum bietet einige Takt- und Tempowechsel. Dave Fleming, der die Gruppe inzwischen verlassen hat, singt sein eigenes Last Train Home, was mit Blues und Country-Klischees spielt. Live wird dazu gern auch mal eine Johnny Cash- Nummer genommen.

See You Jimi lässt aufhorchen: Hendrix trifft auf Drowsie Maggie. Ein paar viel gespielte Reels stoßen auf das Gitarrenriff aus Purple Haze. Der Kontrast funktioniert erstaunlich gut. Die beiden folgenden Walzer laden zum Mit- und Nachspielen ein, recht hübsch. Dann wird’s wieder rockig. Wer heutzutage Ride On aufnimmt, sollte sich schon was einfallen lassen. Bei Rhythmnreel ist das ein zweiter Uptempo-Teil, wo Gitarrensoli akustisch vs. verzerrt abwechseln. Da können die Rocker sich austoben.

Es folgt ein Song, den man nun wirlich nicht erwartet hätte: Neil Youngs Schmusenummer Harvest Moon. Die Atmosphäre kommt dem Original ziemlich nah, als Schmankerl gibt’s ein feines Saxophon-Solo. Trotzdem nicht so mein Ding.

Bei The Gael bewegen wir uns wieder in heimischen Gewässern. Neben Scotland the Brave und Amazing Grace ist Dougie MacLeans Filmmusik zu Recht unter den beliebtesten Nummern der Highland Piper. Ein Arrangement, das geschickt steigert und den Drummer hervorhebt, lässt das Stück bestens zur Geltung kommen. Ein zierliches Geigensolo beschließt den Studio-Teil, bevor es zu einer Live-Aufnahme ins Tulloch Castle Hotel nach Dingwall geht. Bad Moon Rising wurde schon vor Jahren von der Battlefield Band auf Schottisch übersetzt. Mit cleverem Bass und dem passend benannten Half Moon Reel von den Pipes ein passender Abschluss.

Nach dem staunenswerten Konzert in Gevelsberg habe ich auf der CD viele Highlights wiedergefunden. Rhythmnreel sind eine ausgesprochene Live-Band, die Studioaufnahme kann dies nur unvollkommen vermitteln, ist aber trotzdem angenehm zu hören. Bleibt zu hoffen, dass sie 2011 wieder in unseren Breiten zu sehen sind.

Rhythmnreel live at the Ironworks

Trackliste

  1. Alasdair’s Set
  2. Galway Girl
  3. The Conundrum
  4. Last Train Home
  5. See You Jimi
  6. Hector’s Hector the Hero
  7. Ride On
  8. Harvest Moon
  9. The Gael
  10. Jimmy Sinclair of Graemsay
  11. Bad Moon Rising


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kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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