Sam Lee ~ A Ground Of Its Own (2013)

Ground Of Its Own
Ground Of Its Own

Dass folkloristisches Schaffen und Liedermachertum nicht selten artverwandt sind, ist kein Novum, wiewohl Sam Lee diesen Umstand in Potenz kultiviert. Doch der Silberling Ground Of Ist Own ist viel mehr, als nur ein um eine persönliche Komponente angereichertes Irish-Folk-Album, derer man allenorts überhäuft wird. Vielmehr wagt der belockte Kreativling mit einem beinahe weltmusikalischen Album eine musikalische Rundreise, welche die okzidentalen Hörschemata zum Anlass, nicht jedoch zum eigentlich Motiv nutznießt.

Bereits der Opener, The Ballad of George Collins, der mit Lees heller Barritonstimme und sparsamen Pizzicatoklängen der Violine eröffnet, überrascht mit einer ansehnlichen Vielfalt der Instrumente. Indes noch die letzten Worte verklingen, mischen sich orientalische Klänge unter die Ouvertüre und spinnen die Melodie fort. Mit Cantele und Maultrommel entfacht sich ein Klangfeuerwerk, das den lieblichen Gesang beinahe konterkariert. Wuchtige Bassschläge komplettieren diesen Eindruck und ziehen den pluralistischen Hörer in einen beinahe hypnotischen Bann.

On Yonder Hill erklingt mit einem diffusen Bordunklang, dem sich Ukulele und Gesang hinzugesellen. Während jedoch letztere in Melodie und Akkordführung nicht zur Monotonie verleiten, klingt der Bordun unbeirrt fort. In dies Refugium schleichen sich Fiddle, Bass und Rhythmus – und treiben das Tempo gen Ekstase. Die Streicher, Violine und Cello, dissonieren miteinander, während das Tremolo der Geige das Bild eines haarlosen Bogens entwirft.

Auch Wild Wood Amber zieht den Rezipienten in einen hypnotischen Bann. Die Mailtrommel rhythmisiert das ruhige Eingangsgeschehen, das Cello wechselt zwischen Unisono, zweiter Stimme und Akkorden, bevor es sich in einem variationsreichen Akkordspiel verliert. Doch der Gesang erklingt weiterhin lieblich – beinahe skurril, wenn man das instrumentelle Umfeld bedenkt. Als Hort der Beständigkeit wird die Stimme Lees vom Strudel der Melodien und Improvisationen – insbesondere von den Streichern – erfasst, und büßt dennoch nichts von ihrer Selbstfokussierung ein. Keine Strophe gleicht ihrem Vorgänger, ohne dabei jedoch auf Wiedererkennungswerte zu verzichten, oder gar in „jazzige Beliebigkeit“ abzugleiten. Erklingt eben noch der bedrohliche Cellobass, so wird dessen Motiv von einer schluchzenden Geige weitergetragen – der Bass jedoch verweilt in lethargischer Zupfmonotonie.

Mit Harfe, Ukulele, Trompete, Kornet, Tabla und Cantele ist dieser Silberling alles andere als gewöhnlich instrumentbestückt. Goodbye My Darling überrascht zudem mit einer Frauenstimme, die, umspielt von verstimmten, dissonanten, aber partiell jedoch auch sehr harmonischen Pianoeinspielungen, in 20er-Jahre-Manier die vokalen Staffelstab an den zweistimmig vortragenden Hauptstimmgeber übergibt. Dieses Album in eine Schublade zu stecken, wäre die größte Negativkritik, die dem Achttitler angetan werden könnte. Intuitivhörern und Folkpuristen dürfte dieses Album bisweilen zu experimentierfreudig, zu explosiv, zu kreativ erscheinen – und sie womöglich überfordern. Wer jedoch eine Affinität zu nicht-okzidentaler Musik hat, gleichwohl jedoch nicht auf gewohnte Klangmuster verzichten möchte, wer sich auf den hypnotischen Bann der Vielfalt einlassen mag, der wird in diesem Album ein Meisterstück entdecken können, das selbst nach dem x-ten Hören mit subtilen Überraschungen aufzuwarten weiß. Wer offen ist für das Mögliche, das Nicht-Bornierte, der wird sich dem Sog Sam Lees nicht entziehen können.

Trackliste

  1. The Ballad of George Collins
  2. On Yonder Hill
  3. Wild Wood Amber
  4. Goodbye My Darling
  5. The Jew’s Garden
  6. The Tan Yrad Side
  7. Northlands
  8. My Ausheen My Old Shoes

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