SanVentura ~ Das Abenteuer deines Lebens (2013)

sanventcd„Hör auf zu denken/ zieh die Schuhe aus…“ ( aus Goldene Zeiten) Ersteres ist in der Tat dringend zu empfehlen, denn wenn man versucht, den Texten Sinn zu entnehmen, bekommt man während der ganzen Laufzeit des Albums den fragenden Ausdruck nicht aus dem Gesicht. Das Zweite erledigt dieses Schlager– Produkt im übertragenen Sinne. Ein solch wirres, mit Klischees aller Art beladenes Gemenge zieht einem wahrhaftig „die Schuhe aus“.

Worum handelt es sich bei SanVentura? Eben nicht um eine Band oder ein Projekt, sondern, wie es entlarvend auf dem Promo-Zettel steht, eine Marke. Beteiligt sind Clemens Maria Haas als Produzent, Komponist, Sänger, Instrumentalist, Texter und Arrangeur sowie Claudia Mielke als Co-Produzentin und Texterin, die auch den optischen Auftritt gestaltete. Das Abenteuer deines Lebens gehört ganz klar in den Bereich des Schlagers und will Wünsche und Sehnsüchte ansprechen. Dass es um keinerlei konkrete Inhalte geht, erfüllt den Zweck, dass jeder seine Träume in das Produkt hineinprojizieren kann und somit potentieller Kunde ist.

Vermarktet wird SanVentura durch die Firma Telamo, wo man sich in der Gesellschaft von Größen wie Stefanie Hertel oder G.G. Anderson befindet. Worum es geht, ist ganz klar das Geld: „SanVentura ist ein hochanspruchsvolles Projekt aus dem Bereich des melodiös-orchestralen Pop/Rock, das jede Altersgruppe anspricht. Dank SanVentura können wir nun auch dieses vielversprechende Segment abdecken und werden für dessen Erfolg alles tun“, lässt sich Ken Otremba, Geschäftsführer von Telamo, zitieren. Claudia Mielke von SanVentura weist zurück, dass es zunächst ums Geld gehe:Clemens Maria Haas und ich haben alles in den Aufbau und die Arbeit unseres Traumes gesteckt und wir geben immer noch, Tag für Tag alles rein.“

Warum wir uns mit sowas überhaupt befassen? SanVentura nimmt für sich „keltische Einflüsse“ in Anspruch. Damit werden akustische Gitarre und Mandoline gemeint sein. In der Tat ist verhältnismäßig wenig Elektronik im Spiel, wenn auch die Soundeffekte auf dem Gesang nicht zu überhören sind. Nach Riverdance oder „Celtic Woman“ ist das Etikett „keltisch“ unbestritten attraktiv – auch wenn nicht drin ist, was draufsteht. Und das muss in diesem Fall klar gesagt werden.

Dass der Name mit San- beginnt, sieht nach dem Erfolg von Santiano nicht nach Zufall aus. SanVentura sind allerdings schon seit 2009 mit ihrem Namen unterwegs. Die Flensburger von Santiano haben nach „An der Nordseeküste“ die Verschlagerung von Shanties, Fahrtenliedern oder eben auch irisch-schottischen Songs zu einer weiteren Blüte getrieben. Der Schlager macht nun nach der Einverleibung aller Reste von deutscher Volksmusik Anstalten, sich irischen oder schottischen Folk anzueignen. Damit hängt man sich das Mäntelchen der Authentizität um und kommt überdies kostenlos an schöne Melodien. Wie Schlagerqueen Andrea Berg kürzlich in einem Interview meinte: „Die Grenzen verschwimmen immer mehr. Keiner rümpft mehr die Nase über den anderen. Wir sind alle Musiker – Volksmusikanten, Schlagerleute, Pop –Leute.“ So einfach ist es eben doch nicht. Die einen haben große Konzerne im Rücken, die anderen zunächst mal nur ihre Glaubwürdigkeit.

cmhaasEs geht mir auch nicht darum, Leute wie C.M. Haas schlecht zu machen, der als studierter Musiker mit Chor und Orchester arbeitet und gar nicht unsympathisch wirkt. Was mich stört, sind zwei Dinge: die Banalisierung einer Musik, die sich auf reale Lebensverhältnisse bezogen hat, zugunsten einer wolkigen Fantasiewelt, und das Ausrichten musikalischer Entscheidungen an dem, was am besten verkäuflich ist. Wenn sich solche Dinge durchsetzen, beeinflusst das die Vorstellung, die eine Menge von Leuten von keltischer Musik hat, und das wäre zum Schaden aller, die diese Musik wie „unsere“ Bands aus Überzeugung machen. Kritisches Bewusstsein vs. Verblödungs-Industrie.

Die Gedankenwelt des Albums schwebt irgendwo zwischen Seefahrt-Romantik und Bergvagabundentum. Geborgt wird großzügig querbeet, etwa von Carl Orff, Angelo Branduardi und Udo Jürgens. Die Songs erscheinen teils sozial-romantisch, (Überdosis Sehnsucht), teils sehr pompös (Schloss Babelsberg), wobei es weh tut, dass z.B. nach einem spannenden Einstieg von Chor und Orchester in Zeitdiebe die ganze Atmosphäre mit einer banalen Dur-Melodie wieder kaputt gemacht wird. Wenn ich die großartigen Möglichkeiten bedenke, die Sänger, Bläser und Streicher bieten, sehe ich es als vertane Chance, sie lediglich als Teppich für merkwürdige Schlagerzeilen zu gebrauchen.

Geärgert habe ich mich über das Titelstück. Es ist eine Übersetzung des irischen Foggy Dew. Darauf wird im Booklet gar nicht und auf der Webseite nur indirekt – „nach einer keltischen Harfenmelodie“ hingewiesen. The Foggy Dew handelt vom Dubliner Osteraufstand 1916, der blutigen Wende hin zu einem eigenen Staat, und rührt an das innerste Selbstverständnis der Iren. Der deutsche Text hier ist ein wirres Selbstfindungs-Märchen von einem, der Angst vor der kleinsten Maus hat, sich Schuhe mit Flügeln wünscht und Highlander sein möchte. Banal und völlig Banane. Ein Schlag ins Gesicht für jeden, der das Original einmal mit Verstand gehört hat.

Einen Lichtblick gibt es nur an einer Stelle, wo Haas sich einen Blick zurück in seine musikalische Jugend gönnt. In der Zeit der Neuen Deutschen Welle reimte er für seine Band Steinwolke „Katharine“ auf Luxuslimousine und schaffte eine Gute-Laune-Nummer, die zum Hit wurde. Daraus wird hier fröhlich zitiert. Katherine, ich vermiss Dich so hat Pepp und vor allem eins, was ich sonst schmerzlich vermisse: ein bisschen Humor.

Trackliste

1. Goldene Zeiten (3:34)
2. Das Abenteuer Deines Lebens (3:54)
3. Keine Fragen (4:41)
4. Heyahoo (3:42)
5. Maschinenmensch (3:47)
6. Traumsöldner (3:56)
7. Zeitdiebe (3:26)
8. Überdosis Sehnsucht (3:58)
9. Wunderkinder (4:28)
10. Heroika (3:24)
11. Schloss Babelsberg (3:35)
12. Katharine, ich vermiss Dich so (3:39)
13. Ich denk immer an SanVentura (3:07)

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kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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