Seth Lakeman ~ Hearts And Minds (2010)

Seth Lakeman ist der wohl größte Hoffnungsträger der britischen Folk-Szene. Von seinem letzten Album „Poor Man´s Heaven“ verkaufte der Sänger, Songwriter und Teufelsgeiger über 100 000 Einheiten, was ihm den Einzug in die UK Top 10 ermöglichte. Nachdem Lakeman bereits 2 BBC Folk Awards abgesahnt hatte, waren die Erwartungen an ein neues Album entsprechend hoch. Tatsächlich wurden die elf Songs für „Heart And Minds“ (plus vierzehn weitere!!!) in gerade mal 3 Monaten während einer Tourneepause geschrieben.

Noch bevor die Tour weiterging, wurden Demoversionen aller Lieder aufgenommen, sodass die Band auch unterwegs weiter an den Feinheiten arbeiten konnte. Gegen Ende des Jahres 2009, zwei Tage nach Beendigung der besagten Tour, ging es bereits in´s Aufnahmestudio, wo Lakeman gemeinsam mit Produzent Tschad Blake (Tom Waits, Peter Gabriel, Elvis Costello) ein Folkalbum aufnahm, das sowohl textlich, als auch musikalisch zeitgemäßer nicht sein könnte.

So wird direkt im Titelsong mit jenen Institutionen abgerechnet, die die Finanzkrise hervorgerufen haben. Auch Lieder wie „The Watchman“ oder „Hard Working Man“ gehen auf die Probleme der ehrlich arbeitenden Bevölkerung ein und treffen exakt den Nerv der heutigen Zeit. Trotzdem lässt es sich der Multiinstrumentalist auch nicht nehmen, einige der Legenden und Mythen seiner Heimat einzubauen. So ist mit „Preacher´s Ghost“ eine Spukgeschichte vertreten, die für einen, im schaurigen Dartmoor aufgewachsenen Musiker, sicherlich nicht schwer zu vertonen war.

Musikalisch zählt Lakeman sicherlich zu den eigenwilligeren Vertretern seines Genres. Während manch anderer Folk-Künstler auf Nostalgie, Schmalz und Altbewährtes setzt, kombiniert dieser Sänger die traditionellen Folk-Elemente lieber mit kernigen Rock Riffs, düsteren Country Klängen und fast hypnotisch wirkenden Klangexperimenten. Viele seiner Lieder bestechen weniger durch Ohrwurmqualitäten und Radiotauglichkeit, als vielmehr durch dichte Atmosphäre und Intensität. Was diesen Punkt betrifft, erinnert mich „Hearts And Minds“ manchmal an die 80er Songs von Christy Moore oder Clannad, ohne dass tatsächlich musikalische Ähnlichkeiten bestehen. Obwohl ausschließlich traditionelle Akustikinstrumente (Gitarre, Banjo, Geige, Kontrabass, Mundharmonika) zum Einsatz kommen, habe ich selten ein Folk Rock Album gehört, dass so lebendig und modern klingt. Dazu tragen wohl auch die äußerst interessante Stimme, sowie der leicht eigenwillige Gesangsstil bei.

Mit der aktuellen Single „Tiny World“ ist schließlich auch noch ein richtiger Überhit vertreten, der nicht nur eine sehr schöne Melodie hat, sondern auch in´s Tanzbein geht. So kommen auch die Hörer auf ihre Kosten, die es etwas weniger experimentell mögen.



„Hearts And Minds“ ist ein Album auf das man sich einlassen muss. Man kann es nicht einfach nebenher laufen lassen. Um die Kompositionen und Arrangements wirklich verstehen zu können, muss man bewusst hinhören und die Atmosphäre auf sich wirken lassen. Das wird sicherlich nicht bei jedem Folk Fan funktionieren, denn dafür ist dieser Sound wohl zu eigenwillig und speziell, dennoch kann ich nur empfehlen dieser Platte eine Chance zu geben.

Wer neugierig geworden ist, kann sich die Lieder „Tiny World“ und „Hard Working Man“ in unserer Radiosendung „What´s New“ anhören und sich selbst davon überzeugen, wie lebendig und facettenreich Folk sein kann.

Songliste:

  1. Hearts And Minds
  2. The Watchman
  3. Tiny World
  4. Spinning Days
  5. See Them Dance
  6. Stepping Over You
  7. Changes
  8. Tender Traveller
  9. Hard Working Man
  10. Preacher´s Ghost
  11. The Circle Grows


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joern

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