Seth Lakeman ~ Tales from the Barrel House (2012)

Tales from the Barrel House
Tales from the Barrel House

Endlich die lang- und heißersehnten Neuigkeiten vom Fiddlevirtuosen, der mit Tales from the Barrel House ein zwölf Titel fassenden Silberling komplett allein eingespielt und gemixt hat. Nach den Alben „Hearts & Minds“ (2010) und „Poor Man’s Heaven“ (2008) wagt Lakeman eine Zäsur, die man erst verwinden muss, will man das neue Album nicht an alten Erinnerungen messen:

Und auch vom weniger Betanzten gilt es sich zu lösen, wie die beiden Videos unten zeigen.

Erhalten bleibt indes die ungeheure Virtuosität des charismatischen Genies, der in seiner Einleitung des Albums einen Vorgeschmack des zu Erwartendem gibt.

Noch immer erklingt die satte Fiddle, in vollen Doppelnoten und einer Mischung aus melodiösen Teilen, die sich beinahe nebenbei in die Geigenakkorde einfügen. Dabei avanciert die Violine erneut zum Stimmbegleiter und Melodiepartner der eigentlichen Stimme, füllt Pausen, die die Stimme lässt, hält sich vornehm zurück, wenn es die Vokalleistung hervorzuheben gilt und verzichtet allenorts auf ein Vordrängeln, was die außergewöhnliche Leistung zusätzlich krönt. Als wohnte dem Genius eine stille Bescheidenheit inne. More Than Money eröffnet das Konzeptalbum, das sich durch die Gefilde proletarischen Schaffens arbeitet. Lakeman selbst urteilt wie folgt:

Es ist eine Hommage an die hart arbeitenden Minenarbeiter, an die Seemänner, an geschickte Facharbeiter und Handwerker, die für wenig Geld arbeiten mussten, aber stolz waren auf das, was sie schufen. Ich weiß, dass die Aufnahmen von einigen vielleicht als rau oder zu roh beurteilt werden, aber für mich war das genau der Sinn der „Tales from the Barrel House“.

Eine Hommage also an ein stolzes Proletariat, das fern von aller Selbstentfremdung, die Schönheit und Sinnhaftigkeit des eigenen Schaffens kultiviert. Unklar bleibt, ob es dem Schöngeist und Saitenarbeiter Lakeman um ernsthafte Identifikation oder eher um prosodische Einheit ging. Authentisch bleibt er allemal. Dies wird unterstrichen durch die Wahl der Aufnahmeorte – eine Mine und eine alte Böttcherei, die dem Album einen akustischen Charme beigeben, der zwar ungewohnt, zu jeder Zeit jedoch als eingängig und charakteristisch betrachtet werden darf.

Ich möchte mit dem Sound des Albums die Hörer mitten in die Mine hineinnehmen; ich möchte, dass sie die lebendige Geschichte derjenigen hören, von denen meine Songs handeln.

Unterstützt wird dieser Eindruck vom Klang der Arbeitsmaterialien – es schlägt, scheppert und dröhnt beinahe, wenn Stahl auf Stahl erklingt. The Watchmaker’s Rhyme eröffnet gar mit dem Klängen eines hölzernen Uhrwerks. Dann erklingt der klare Klang der stahlbesaiteten Gitarre, deren Riffs durch die Fiddle unterstützt werden. Lakemans Gesang würzt diese Mixtur mit seinem leidenschaftlichen Dukuts, der über die zumeist ruhigen Titel bisweilen einen etwas arbeitsstereotypen Nachgeschmack hinterlässt. Die Geige ächzt, als das Uhrwerk wieder einsetzt und entfaltet entlang der unterschiedlichen Prozedere des Arbeitens das vollste Spektrum wohlklingender klanglicher Vielfalt.

Nach den ersten Titeln eröffnet das Album zunehmend weniger Überraschendes, so dass dem Arbeitsduktus die Immanenz des Prozesshaften innewohnt. Beinahe meint man, es fehlte nur noch ein US-Worksong, doch Lakeman wahrt die historische Korrektheit.

Insgesamt also ein Album, das sich vortrefflich zum Zuhören eignet. Wer die Lakeman’sche Tanzlust erwartet, wird sich an diesen Silberling erst gewöhnen müssen. All jenen, die für Neues und Konzeptalben offen sind, bietet diese CD einen vortrefflichen Fundus an authentischer Arbeitsmusik, ein Album also, das durch Fiddle und Gesang getragen wird, indes beide in bestmöglicher Harmonie miteinander wechselwirken und den Hörer durch die Stätten raubeiniger und dennoch ästhetisch in den Bann ziehenden Arbeitsmelodien entführen. Arbeit als Verarbeitung des Musischen erfährt hier eine Ästhetisierung par excellence – danke für dieses Ausreißen aus dem Bekannten und das Bannen vor die Schönheit des Alltäglichen.

Tracklist

  1. More Than Money
  2. Blacksmiths Prayer
  3. The Watchmaker’s Rhyme
  4. Hard Road
  5. The Sender
  6. Salt From Our Veins
  7. Brother of Penryn
  8. Apple of His Eye
  9. Higher Walls
  10. The Artisan
  11. Another Long Night (bonus)
  12. Cooper’s Hand (bonus)

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