Show of Hands ~ Arrogance, Ignorance and Greed (2009)

Show of Hands haben alles erreicht, was es für ein englisches Folk-Duo zu erreichen gibt: ausverkaufte Auftritte in der Albert Hall, die Top-Festivals, Auszeichnungen und Anerkennung weit über die Folkszene hinaus. Trotzdem haben sie achtzehn Jahre nach ihrer Gründung ein Album vorgelegt, in dem sie erfolgreich neue Wege beschreiten.

Von der eigentlichen Duo-Besetzung ist allerdings wenig auszumachen. Elf der zwölf Titel singt Steve Knightley, acht davon hat er selbst geschrieben. Nur bei einem Stück übernimmt Phil Beer den Gesangspart. Im übrigen brilliert er mit satten, ausdrucksstarken Geigensoli und singt zweite Stimme. Miranda Sykes, Kontrabass und Gesang, ist seit 2004 Dauer-Gast und eine enorme Bereicherung.

In einem Video-Interview berichtet Steve Knightley, er habe einige der Songs in recht kurzer Zeit im Frühjahr des vergangenen Jahres verfasst. Die Deutschlandtour damals im März sorgte für den nötigen Abstand von zu Hause. So sei es ihm gelungen, öffentliche und private Ereignisse zu verarbeiten und zusammenzubringen. Mit letzteren sind schwere Erkrankungen im engeren Familienkreis gemeint. Nach ersten sozialkritischen Titeln wie Country Life vor einigen Jahren hat sich Knightley mit diesem Album in der obersten Songwriter-Liga etabliert. Er findet aktuelle Themen, die bisher kaum in Liedern aufgetaucht sind.

Die Atmosphäre des Albums ist nachdenklich bis düster. Dafür sorgen nicht nur die Texte über Finanz- und andere Krisen. Show of Hands haben Stu Hanna vom Nu-Folk–Duo Megson als Produzenten verpflichtet, der für einen aktuellen, abwechslungsreichen Sound sorgt. Verglichen mit dem mir vorher bekannten live-Album wirken Show of Hands viel weniger glatt und gefällig, dafür ernster und reifer, was den Zeiten angemessen ist.

Phil Beer, Steve KnightleyDen melancholischen Auftakt bildet mit Lowlands ein langsamer Shanty, in dem eine ertrunkene junge Braut betrauert wird. Vielleicht soll erstmal gezeigt werden: Hier, vom Folksong, kommen wir her. Fast unbegleitet, aber mit trickreichen Harmonien geht mir Knightleys Gesang etwas zu sehr ins Sentimentale. Mit dem zweiten Song fängt die CD erst richtig an: zu perkussiven Gitarren- und Geigenklängen singen Show of Hands im Darwin – Jahr ein Loblied auf die Entdeckung der Evolution. Es bezieht sich auf die Kreationisten, die die Schöpfungsgeschichte der Bibel wörtlich nehmen und die Rolle der Naturwissenschaften in Frage stellen. Auch beim gospel-ähnlichen Worried Well wird das Lob des Verstandes gesungen. Hier geht es um die Vorzüge medizinischer Behandlung mit nachgewiesener Wirksamkeit gegenüber Voodoo-Glauben: gemahlene Tigerklaue kann nicht gegen Cholera oder Typhus helfen. Dass es inzwischen notwendig erscheint, Errungenschaften von Kants Aufklärung gegen die blanke Irrationalität zu verteidigen, gibt zu denken. Während viele Folkies dem Spirituellen und einem mystifizierenden Naturverständnis nahestehen, stellen sich Show of Hands entschieden auf die Seite des Rationalen.

Ein anderes wiederkehrendes Thema ist das Nachdenken über die Natur des Menschen. Die Massenplünderung des gestrandeten Containerschiffs Napoli bringt Knightley zu der Aussage, unter der Oberfläche seien auch die heutigen Zeitgenossen nichts anderes als Beutejäger, Diebe und Piraten. Beklemmend ist IED – Science or Nature. Die drei Buchstaben stehen für eine ungezündete, handgemachte Bombe. Knightley sieht sie nicht nur in den Händen von Gewalttätern, sondern auch als genetisch angelegte Krankheit, eine Zeitbombe unter der eigenen Haut.

Die beiden Coversongs sind eine eigenwillige, aber gute Wahl. Bob Dylan’s Señor vermittelt eine bedrückende Atmosphäre und spielt auf die politischen Intrigen der USA in Südamerika während der Siebziger Jahre an. In Peter Gabriel’s Secret World, Phil Beers Solo, geht es um eine vergangene Beziehung, zart und reflektierend.

Das Titellied wurde von einer Nachrichtenmeldung inspiriert und ist mit seiner klaren Aussage und dem kraftvollem Arrangement Höhepunkt der CD. Die amerikanische Versicherungs- und Finanzfirma AIG, aus Steuermitteln vor der Insolvenz gerettet, hatte die Zahlung von Managerboni in Millionenhöhe bekannt gegeben. So machte ein Journalist aus AIG Arrogance, Ignorace and Greed, was Knightley wiederum für einen guten Songtitel hielt. Hier knüpfen Show of Hands an die Tradition an, als Sänger dem „ Mann auf der Straße“ eine Stimme zu geben.

Das zweite richtig wuchtige Stück ist ein weiteres Traditional, die Keys of Canterbury. Es handelt sich um das Duett eines Paares. Er will ihre Zuneigung mit materiellen Gaben erkaufen, dabei wünscht sie sich doch nur den Schlüssel zu seinem Herzen. Fast schon zu romantisch, aber zu Recht der Bonustrack, der mit der Single AIG im Februar veröffentlicht wurde. Duettpartnerin Jackie Oates stiehlt hier fast die Show. Sie gehört wie die ebenfalls Mitwirkenden von Mawkin:Causley zum angesagten Nachwuchs der englischen Folkszene. Drums, Keyboards und Percussion geben den Single -Titeln zu den SoH-typischen Saiteninstrumenten Druck und Fülle. Bei aller Cleverness in den Instrumentalarrangements steht deutlich der Gesang im Mittelpunkt. In den Backing Vocals verbergen sich viele tolle Harmonien.

AIG ist Folk-Musik für das 21. Jahrhundert, in der Tradition verwurzelt, aber inhaltlich und produktionstechnisch auf der Höhe der Zeit. Ein Album, das etwas kopflastig und nicht leicht konsumierbar, aber packend ist. Die Ausstattung der CD mit Textbooklet und starker Grafik unterstreicht den Gesamteindruck: hier sind Profis mit Verstand und Herz am Werk. Vom nächsten Album würde ich mir allerdings etwas mehr Ausgewogenheit zwischen den beiden Duo-Mitgliedern wünschen.

Show of Hands werden nach den wenigen März-Gigs im Herbst auf einer etwas größeren Deutschland-Tour sein. Dann sind auch die englischen Kollegen des Duos Broom Bezzums wieder mit dabei.

Trackliste

  1. Lowlands
  2. Evolution
  3. The Man I Was
  4. The Napoli
  5. Señor (Tales of Yankee Power)
  6. IED : Science or Nature
  7. The Vale
  8. Arrogance, Ignorance and Greed
  9. Secret World
  10. The Worried Well
  11. The Keys of Canterbury
  12. Drift


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kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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