SieGra ~ Memories of the Stone (2010)

Die im 17. Jahrhundert entstandene Synagoge in Wlodawa – an der Grenze zu Polen, Weißrussland und der Ukraine – inspirierte die drei Musiker von SieGra, die nur bei einem Titel gastmusisch unterstützt wurden, zur Produktion des Albums Memories of the Stone. Nach eigenen Angaben war dabei die in der Synagoge spürbare Intimität und Einheit von Vergangenheit und Gegenwart ein maßgeblicher Ansporn.

Um mit offenen Karten zu spielen, sei gesagt, dass Freunde des typisch-okzidentalen Folks und seinen zumeist offbeat- und rifflastigen Unterarten, bei dem 19-titligen Silberling wenig Freude haben dürften, wenn sie musisch borniert an Memories of the Stone gehen. Wer aber offen für Neues ist, für den bietet diese Scheibe Musik auf höchstem Niveau. Denn zwischen traditionellem Liedgut aus Bosnien, Polen, Bulgarien sowie einigen Eigenkompositionen perpetuierend, sind die Stücke auf gesanglich und instrumental betrachtet höchstem Niveau.

Mit Klarinette, Sopilka, Darbuka, Akkordeon, Bass und Gesang bestückt, liefern die drei Herren ein qualitatives Meisterstück ab, das sowohl leidenschaftlichen Klezmer-Sound als auch melancholische Amélie-Motive à la Yann Tiersen in Einklang bringt. Mit bisweilen befremdlich wirkender und sich erst nach einigem Hinhören erschließender, ungrader Taktung (Mach) wechseln sich Klarinette und Akkordeon in liebevollem Wechselspiel ab und umspielen einander, so dass die Grenze zwischen Improvisation und fester Melodie zu verschwinden scheint.

Gesangsstücke wie bspw. Paw präsentieren sich fast ausschließlich im sehnsüchtig-melancholischer Manier. Dabei ist der zum Teil gehauchte, zum Teil kraftvoll-rauchige Gesang zu jeder Zeit befremdlich und dennoch eingehend. Die Bilder der Myspace-Präsenz geben keine Auskunft über etwaige Auftritte und vermitteln eher das Bild eines straßenmusischen Trios, was angesichts der hohen Qualität aber undenkbar scheint. Darüber hinaus finden sich im Booklet einige Angaben zum Gewinnen hochkarätiger Folk-Festival-Preise.

Bei Tristan rückt eine gastmusisch eingespielte Geige ins Zentrum der Musik und wird unisono von der Klarinette umspielt – und obschon das Spielen eines gleichen Motivs bisweilen Langeweile evoziert, sind die Facetten des Spiels doch so manigfalt, dass von Überdruss nicht die Rede sein kann. Abschließend sei das wunderschöne Cover hervorzuheben, dem es gelingt, schon vorab die Stimmung der Musik zu evozieren. Die ineinander übergehende Mischung aus Gezeichnetem und Fotografie wirkt sowohl belebt als auch traurig, wirkt düster und an einigen Stellen dennoch belebt.

Wer also Lust auf ein Hinhöralbum mit vielerlei Ungewohnten hat, sollte keinen Augenblick zögern, sich dieses Albums zu bemächtigen. Freunde leichttaktiger Dreiakkordmusik sollten indes die Hände von diesem Silberling lassen – er dürfte sonst unter Umständen überfordern. SieGra bieten osteuropäische Folklore par excellence – und mit Memories of the Stone ein Meisterwerk an musischer Vielfalt und Originalität, in die einzuhören, man sich und dem Album eine Chance geben muss.


Trackliste

  1. Lower East Side
  2. Ne Klepeci
  3. C B As G
  4. Mach
  5. Paw
  6. Tristan
  7. Bartka
  8. Hard Face
  9. Spij Kubusiu (Sleep little Jakub)
  10. Dospatsko Horo
  11. Tarara
  12. Krzyzacy (Cruisaiders)
  13. Papiren
  14. Dla Mamy (To my Mother)
  15. Saposzkele
  16. Tango
  17. Dusza (Slavic Soul)
  18. Bucimis
  19. Nign


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