The Aberlour’s ̴ The Best Of AB’s Live (2012)

The Best Of AB's Live
The Best Of AB’s Live

„Man munkelt ja eigentlich immer, wenn man eine Live-CD oder -DVD aufnimmt, dann vor allem deshalb, weil man grade keine so richtig guten, neuen Ideen hat. Diesem Anspruch wollen wir hier voll und ganz gerecht werden.“ Mit diesen Worten eröffnet Sänger, Frontmann und Multiinstrumentalist Klaus Adolphi das Konzert des Quintetts.

The Cry eröffnet den Fünfzehntitler, den es bedauerlicher Weise nur als DVD- und nicht als CD-Version gibt. Im Neuen Theater zu Halle entstanden, wird das zumeist hochgradig tanzbare Programm vor und mit einem Sitzpublikum ausgefochten, so dass zumindest die Tanzbeinmitmachbereitschaft qua Sitzmobilar eingeschränkt wird. Die Entwicklungen der folkloristischen Musikszene nivellieren die urtümliche Vielfalt unseres Genres zunehmend. So gereicht dem E-Gitarre-Bass-Schlagzeug-Kollektiv zumeist allein das Hinzukommen einer Geige, um sich in irgendeiner Weise als „Folk“ auszuweisen. Dass es auch anders geht, beweisen The Aberlour’s – und das vom Feinsten.

Als ich diese Band ins Leben gerufen habe, war ich ja schon ziemlich erwachsen – d.h. ich wusste weitgehend, wo ich hin wollte. Trotzdem spiegelt der Stil sicher auch musikalische Jugendträume – und die weitgehende Konstanz der Besetzung, also aller Beteiligten.

Nach mehr als einem Jahrzehnt gemeinsamen Musizierend erfindet sich die Band in ihrer kreativen Beständigkeit immer wieder neu und bleibt sich dennoch treu:

Was aber vermutlich geschehen wird, ist dass wir die verschiedenen Einflüsse unserer Musik mitunter weiter ausloten werden. Neue Stücke können also reine „Akustik“-Werke in eher historischer Tradition werden, aber auch ziemlich fette Klangwände bis zum Orchesterarrangement. Wohin es uns dabei lokal verschlägt, lassen wir uns überraschen – vor allem die Festivals reichen von traditionellen Folkfesten über Klassik-und Mittelalter-Events bis zu Metalfestivals.

Nebst (Rock)Fiddle, Bass, Drums, Gitarren und einem Ian-Anderson-artigen Querflötenspiel ertönen dabei beinahe akustische Anachronismen wie Cister und Mandocello. Dass Folklore kein dilettantisches Unterfangen sein muss, beweist jeder der ausgezeichneten Musiker idealtypischer Weise. So wird selbst das Unisono-Spiel zwischen Fiddle und Flöte zu einer hörgenusslichen Sonderleistung, die als Maßstab für die Folkszene gelten sollte. Allzu häufig erklingen vielerorts parallel vorgetragene Melodieverläufe, die sich in Intonation und Rhythmus arg miteinander beißen. Dieser Missstand wird dann kurzer Hand als Tugend der Folklore ausgewiesen. Dass es auch anders geht, beweisen die Hallenser über die volle Spielzeit.

Nebst einiger folkloristischer Klassiker wie Nobody’s Reel und Cooley’s Reel erklingen vornehmlich Stücke aus der Feder Adolphis. Textlich lehnt er sich dabei an sowohl an volksmundlichen Dichtungen des angloamerikanischen Raumes, aber auch bei Größe wie Edgar Allan Poe, The Raven, an:

Wenn ich historische Texte verwende, suche ich vor allem nach interessanten Geschichten, die sich von den sich oft ähnelnden Volksliedstrukturen abheben. Manchmal sind da einzelne Formulierungen entscheidend. Die Eigenen sind solche, die ich in der Historie nicht finde, aber eben dort hätten passiert sein können, also stets Phantasie und eigenes Erleben.

Innovativ und spielwütig kommen die fünf Herren daher, die sich bspw. bei The Raven von einem Frauenchor aus dem Publikum unterstützen lassen. Die sogenannte „Phantomimen der Oper“ sind zunächst nicht zu sehen, so dass man beinahe meint, The Aberlour’s hätten dem Live-Werk nachträglich ein En-Plus angedeihen lassen. Doch die bewusste Schnittwahl inszeniert den Chor vor dem heimischen Bildschirm wie im Live-Geschehen: als Novum, das es erst zu verorten gilt. Die Gesichter des Publikums sprechen folglich ebendie Bände, die sich dem heimischen Hörer auch aufs Gesicht legen dürften.

Zum vorletzten Stück des Abends „duellieren“ sich der neue und ehemalige Geiger der Formation in angenehmer Konkurrenzlosigkeit. Und auch hier gelingt der Brückenschlag zwischen quasi-klassischer Fehlerlosigkeit und der Leichtfringrigkeit folkloristischen Schaffens. Ein Dorn im Ohr ist das über acht Minuten währende Schlagzeugsolo. Schlagzeugaffinen Hörern mag die überzogene Selbsthommage vielleicht zum Genuss gereichen, Hörern, die sich wenig auf Selbst-Profilieren und Inszenierung des eigenen Egos verstehen, mag das Solo nicht nur ermüdend, sondern bisweilen etwas fremdschämend im Gemüt bleiben.

The Aberlour’s als musisches Kollektiv gelingt indes das Notwendige, bedauerlicher Weise aber Auszusterbende, qualitativ hochwertigen Folkschaffens: Hier kleidet sich das Bekannte in neuem Gewand, die spielerische Exzellenz in Leichtigkeit und die Ironie in ein subtiles Lächeln. Alles in Allem also Musik, die behände und leichtfertig ins Ohr geht, sich in das musikalische Gedächtnis frisst, um sich zu unbestimmter Stunde wieder Bahn in die Außenwelt zu bahnen.

Und so umreißt Adolphi nicht nur den Bandnamen, sondern vielmehr das inhaltliche Substrat des eigenen musischen Schaffens wie folgt zusammen:

Neben der Affinität zu gutem Alkohol und der Keltenwelt (Aberlour ist ein Ort in der schottischen Speyside samt ansässiger Destille) geht es um das Sinnbild des Destillates an sich. Egal ob Whisky oder Obstbrand, es ist der Geist, die Essenz aus etwas Gutem, das wiederrum sehr gut tun kann. Das kann man sich schon mal auf die Fahnen schreiben.

Trackliste

  1. The Cry
  2. The Girl I Left
  3. White Maid
  4. Wicklow Mountain
  5. Shepherd’s Daughter
  6. Pat Works On The Railway
  7. Cooley’s
  8. Mad Man
  9. The Raven
  10. Zeroeightfifteen
  11. The Lonely Giant
  12. Shadow Hunter
  13. The Aberlour’s Voice
  14. Nobody’s Reel
  15. Save The Last Drop

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