The BeerMats ~ Peace one day in time (2010)

Aktuelle Aufnahmen, zeitloses Thema. Am 6. Februar haben die BeerMats ihre EP mit Liedern zum Thema Frieden veröffentlicht. Bislang hielt ich es für eine gute Idee, neue Songs im Stil der alten Traditionals zu schreiben. Nach dieser CD sind mir allerdings Zweifel gekommen.

The BeerMats (Die Bierdeckel) sind ein Quartett, das aus Ballyfermot im Süden von Dublin stammt. Die Band wurde vor 15 Jahren von Colm Gibbons (Gesang, Flöte und Bodhrán) und Brian Smith (Gitarre und Gesang) gegründet und wird seit einiger Zeit von Francis Scattergood (Mandoline, Mandola und Banjo) und Tono Brennan (Flöte und Banjo) ergänzt.

Sie nennen sich „Folk and Ballad Group“ und stellen sich damit in die Nachfolge der Clancy Brothers, die in den Sechzigern einen sehr erfolgreichen, volkstümlichen Stil entwickelten. Die Beermats sind fest vor Ort verwurzelt, haben es aber auch zu Gigs in der Schweiz und den USA gebracht. Ihre Spezialität sind Auftritte für einen guten Zweck, wofür sie nach eigenen Angaben bereits fünfstellige Beträge eingespielt haben. Trotz aller Bodenständigkeit sind sie auch im Web zu Hause, die EP hat eine eigene Website mit Hintergrundinfos bekommen.

Ein alter Bekannter und früherer Nachbar der BeerMats ist Finbar Furey, Uilleann Piper, Flötenspieler und Sänger. Er hat der Band das Titelstück der EP überlassen. Dazu kommen zwei weitere Songs und ein Walzer, alle neu geschrieben.

Das Cover mit dem Soldatenfriedhof steht für die etwas melancholische Atmosphäre. Es geht um Krieg, Frieden, Trauer und das Leid der Mütter. Brendan Phelan, der Verfasser des ersten Stücks Four Sons, und auch Finbar Furey, wollen zeitlose Aussagen machen. Viele Text- und Melodieelemente stammen aus der Tradition und wirken daher vertraut. Hier ziehen die Söhne noch mit dem Vorderlader und zu Fuß in den Krieg. Phelan hat nach eigenen Worten alte Filme und den amerikanischen Bürgerkrieg vor Augen gehabt, als er über die vier gefallenen Söhne einer Mutter schrieb.

Nancy’s Song hat Colm Gibbons mit Brendan Phelan zum Andenken an seine Mutter geschrieben. Die Kitschtoleranz ist hier stark gefragt, wenn nach der Mundharmonika auch noch der örtliche Kinderchor einsetzt. In einer deutschen Übersetzung würde es in jede „Volksmusik“- Sendung passen.

Der Walzer des Flötisten, Anthony’s Farewell, ist seinem Sohn gewidmet, der in Ballyfermot getötet wurde; wie und von wem, lässt die Website offen. Die Melodie ist schlicht und eingängig. Die Mandoline gibt reichlich Tremolo. Spätestens jetzt fällt auf, dass die beiden Flöten weder von der Tonfrequenz noch vom Timing her wirklich miteinander harmonieren.

Den Text von Peace on Day in Time will ich Euch nicht vorenthalten:

When young men die
without reason why
The power money can’t buy
and young girls weep
for their hearts they will keep
forever in tears and prayers

War is a word
should be made obsolete
for John’s Cool imagination
and if greed shared its spoils
it could fill many lives
and peace one day in time

When fathers can turn
a blind eye to it all
the power of ancestral pride
young men compared
like sheep at a fair
still praying they might be heard

When mothers of sons
beg down on their knees
women grow old before time
Cradling love
for past memories
still children within their minds


Der Song wirkt nicht so, als wolle er irgend jemand zu aktivem politischen Engagement animieren. Das Bild der Mütter, die auf den Knien flehen, stammt aus einer vor-demokratischen Gesellschaftsordnung. Es geht auch nicht mehr um den „Stolz der Ahnen“, der zur Motivation in den inner-irischen Kämpfen herangezogen wurde.
Zu Zeiten des NATO-Einsatzes in Afghanistan und der Anhörung in London zum britischen Eintritt in den Irakkrieg wirkt das Lied reichlich antiquiert. Die „Pressgangs“, die mit allen Mitteln junge Männer in die britische Armee steckten, sind Geschichte. Die Berufssoldaten oder die Söldner der privaten Sicherheitsfirmen werden nicht mehr wie Schafe zusammengetrieben, sondern unterschreiben ihre Verträge freiwillig.


Die BeerMats mit Finbar Furey (M.)


Der Anfang des Refrains, wonach der Begriff „Krieg“ überflüssig gemacht werden möge, passt mit seinem Konjunktiv nicht in die Sprache der alten Balladen. Dass sich Politiker in der Tat bemühen, das Wort “Krieg” aus dem Sprachgebrauch verschwinden zu lassen, gibt dem ganzen eine bittere Pointe. Es ist schließlich offiziell bloß von „robusten Einsätzen“ und „Anti-Terror-Maßnahmen“ die Rede.

Das Beschwören elterlicher Trauer in dem Song birgt die Gefahr, den Tod der Söhne als naturgegeben erscheinen zu lassen. Vielleicht ist das so gewollt, Volkslieder – wie auch Schlager – sprechen die großen Gefühle und Grunderfahrungen an. Sicher kann das ehrlich empfunden und gut gemeint sein. Wer die „Fields of Athenry“ mag, könnte an der sentimentalen Stimmung gefallen finden. Auch dieses alles ist irische Musik, volksnah und bestimmt recht erfolgreich. Aber „gut gemeint“ heißt ja nicht immer auch „gut gemacht.“ Wenn die BeerMats diese Lieder singen, ist das generationsübergreifender Mainstream. Weder stimmlich noch instrumental ist hier Herausragendes zu hören.

Die Fureys waren dafür bekannt, musikalisches Können mit einem Repertoire aus lupenreinem Kitsch zu verbinden. When you were sweet sixteen und dergleichen bescherten ihnen Popularität. Von daher ist nicht unbedingt gesagt, dass es um puren, naiven Ausdruck der tiefen Friedenssehnsucht geht. Es könnte auch ein wenig Kalkül hinter diesem Appell an das Mitleid mit den Soldatenmüttern stecken.

Lieder sind oft grade dann populär, wenn sie von bestimmten Personen erzählen. Bestes Beispiel ist der Song No Man’s Land von Eric Bogle, mit dem die Fureys unter dem Titel Green Fields of France wochenlang in den irischen Charts waren. Dort geht es um den 19-jährigen William McBride, der im 1. Weltkrieg gefallen ist und irgendwo zwischen Flandern und der Normandie begraben liegt. Finbar Fureys eigener Friedens-Song hat bei weitem nicht das gleiche Format. Bei Peace one day in time ist kaum etwas, das im Gedächtnis haften bleibt.

„Lieder von unten“ haben sich immer wieder gegen den Krieg gestellt und das Opfernvon Menschenleben zur Sicherung von Macht angeprangert. Dazu gäbe es auch in diesem Jahrhundert genug zu sagen und zu singen. Wo ist jemand, der diese Tradition des Anti-Kriegsliedes fortsetzt – aktuell und konkret statt sentimental und rückwärts gewandt?

Trackliste

  1. Four Sons
  2. Nancy’s Song
  3. Anthony’s Farewell
  4. Peace one day in time


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kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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