The Bonny Men ~ The Bonny Men (2011)

Normalerweise pflege ich unser akustisches Gärtlein in Abgeschiedenheit und freue mich, wenn ab und zu die Prominenz vorbeischaut, um eine Zutat für ihr Erfolgsrezept zu pflücken. Aber jetzt habe ich dort eine so bunte, wunderbare, wohlschmeckende Mischung entdeckt, dass ich damit auf den Marktplatz laufe und rufe „Leute, das müsst ihr unbedingt probieren!“

Es ist nicht oft, dass wir eine rein akustische CD als Album des Monats nominieren, aber das Debüt der Bonny Men verdient diese besondere Aufmerksamkeit. Bereits bei ihrer Deutschlandpremiere in Balve hatte mich die junge Band aus Dublin begeistert. Zu dem technisch hervorragenden, mitreißenden Spiel kommt auf dem Tonträger noch ein brillianter, druckvoller Sound.

Die sieben jungen Leute, grade dem Schulalter entwachsen, haben bisher offenbar alles richtig gemacht. Aufgenommen wurde das Album in den renommierten Windmill Lane Studios von keinem Geringeren als Trevor Hutchinson, dem Bassisten von Lunasa. Man hat sich glücklicherweise für ein „Live im Studio“ – Verfahren entschieden, wobei die Tracks gleichzeitig aufgezeichnet werden. Das Feuer einer guten Session ist bestens eingefangen. Die Tunesets sind allesamt so packend und in sich geschlossen, dass ich keinen herausheben möchte. Neben den erwartbaren Jigs und Reels gibt es Slides, Hop Jigs oder kraftvolle Slow Jigs, die man auch als Marsch verstehen könnte. Die Tunes der Gattungen werden nicht gemischt, so dass die Sets bis zu fast sechs Minuten mit vollem Tempo durchlaufen. Die Arrangements sind außerordentlich geschickt, immer wieder werden die einzelnen Instrumente in kleinen Fenstern solo oder paarweise in den Mittelpunkt gestellt, ohne dass der Set an Fahrt verliert. Wenn man genauer hinhört, stellt man fest, dass die persönliche Handschrift der jungen Spieler noch nicht ganz so ausgeprägt ist. Man muss sich vor Augen halten, dass die Band erst seit Januar 2011 besteht.

Durch die Besetzung – sechs Männer, eine Frau – ist der Vergleich zur legendären Bothy Band nahegelegt, die auch eine Keyboarderin dabei hatten. Piper Maitiu verwahrte sich im Gespräch aber gegen die Unterstellung, abgekupfert zu haben. Die Besetzung (Pipes, Fiddle, Flute, Bouzouki, Gitarre + Gesang) sei einfach günstig, außerdem hätten die Bonny Men ja auch einen Bodhranspieler dabei. Das, was die Bothy Band in den Siebzigern zur Legende machte, haben die Bonny Men auch: selbstbewusste Spielfreude und einen dynamischen Drive, der Elemente der Rockmusik ins Akustische überträgt. Durch die kraftvollen Akkorde des Keyboards wird der Rhythmus hervorgehoben, während die Melodieinstrumente mit feinen Verzierungen und Varianten die Zuhörer schwindelig spielen. Man verlässt sich aber nicht nur auf die Wirkung des Tempos, sondern auch auf sauberes klassisches Handwerk wie im Planxty-Set mit Pipes und Cembalo, das geradewegs ins Barock-Zeitalter führt.

Die Instrumentalstücke sollten von ein paar Songs aufgelockert werden. So weit, so richtig. Da aber niemand aus der Band sich hierzu berufen fühlte, lud man ein paar FreundInnen ein, welche gut gemachte Beiträge leisten, die aber nicht unbedingt in einem Zusammenhang mit dem Material der Band stehen, am ehesten noch das gälische Caoineadh Na Dtrí Mhuire, recht traditionell-gradlinig gesungen und fein arrangiert. Dig A Well ist ein versponnenes Songwriter-Solo, Morecambe Bay atmet das Flair englischer Folk Clubs. Zugänglicher ist The Night They Drove Old Dixie Down. Der alte Mitgröl-Klassiker von Robbie Robertson funktioniert besonders live, wobei die Frage offenbleibt, ob es nicht passende Songs mit stärkerem irischen Bezug gegeben hätte. Beim Hören überspringe ich meistens die Lieder, um mich immer wieder von den Instrumentalsets fesseln zu lassen. Schön wäre es, wenn die Band beim nächsten Album eine stilsichere Liedauswahl hinbekäme. Ansätze waren in Balve ja schon zu erkennen. Dort präsentierten sich die Bonny Men sympathisch und bodenständig. Nachdem die Gruppe bei den Festivals in Lorient und Tonder aufgetreten ist, scheint sich eine feine internationale Karriere anzubahnen.

Die CD kommt mit hübscher Grafik, der Aufzählung aller Tunes und GastmusikerInnen sowie einer langen Dankesliste. Wir danken wiederum für das Hörvergnügen.

Trackliste

  1. The Jigs
  2. The A Minor Set
  3. Dig A Well
  4. The Slow Jigs
  5. The Slides
  6. Morecambe Bay
  7. Mullinavat
  8. Planxty
  9. Caoineadh Na Dtrí Mhuire
  10. Harvest Moon
  11. The Hop Jigs
  12. The Night They Drove Old Dixie Down

 

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kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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