The Dad Horse Experience XXL ~ Live in Melbourne (2012)

Live In Melbourne
Live In Melbourne

„Keller-Gospel from the Left of Heaven“ – die stilistische Selbstverortung der wandelnden One-Man-Show wirkt sowohl aus terminologischer als auch aus semantischer Sicht ein wenig obskur. Als Erklärung biedert der digitale Äther mit folgender Erklärung an:

Gospel, der nicht in den lichtdurchfluteten Kirchen und Kathedralen gesungen wird, sondern in den finsteren Kellergewölben der Seele, an den Orten der Einsamkeit und Verzweiflung, in denen das Licht am sehnlichsten vermisst wird.

Ein religiöser Selbstfindungsversuch also, der sich über die Musik Luft macht? Too Close To Heaven eröffnet den Silberling. Das Banjo findet sich langsam in das Tempo, indes das Wechselspiel zwischen Basspedal und Banjo nicht so recht gelingen mag. Es holpert merklich – und die Sangesleistung ist ebenso gewöhnungsbedürftig. Ein Silberling, der seiner Originalität wegen, Gefahr läuft, bereits vor dem Ausklingen des ersten Titels wieder im Regal zu verschwinden. Ein gewisser Dilettantismus haftet dem Album über die Länge von 20 Titeln bis zum Vertönen des letzten Tons an, der es jedoch nicht handwerklich ad absurdum führt, sondern vielmehr die Kultur originalen Skurrilität forciert – wie bspw. auch beim Einsatz des plärrenden Kazoos in Through The Hole.

Wie der Titel verlautbart, handelt es sich bei Live in Melbourne um einen Live-Mitschnitt, dessen Letztmischung nicht auf die moderativen Aufklärungsversuche verzichtet. Und wiewohl sich der Protagonist in wohlfeile Worthülsen kleidet, hängt ebd. doch der Charme eines deutschen Akzents an. Womöglich haftet ihm, nebst eines Schmunzeln, auch der religiöse Duktus eines Søren Kierkegaard, der zur Überwindung defizitärer Diesseitserscheinungen die Notwendigkeit einer „ironischen Elastizität“ proklamiert, an?

Doch für die aufnahmetechnische Unternehmung hat Ottn den Weg auf die Bretter der Welt nicht allein gewagt. Zwei australische Gastmusiker unterstützen den musischen Kreuzträger: Renato Vacirca sorgt am Schlagzeug für die notwendige Rhythmisierung und Anto Macaroni unterstützt die obskure Wirkung noch mit gezerrten E-Gitarren-Surrealismen. Mit WTC in Heaven erklingt ein, gemessen am Inhalt, vollkommen absurder, anheimelnder Walzer. Nach seinem Ableben ist das World Trade Center nun im Himmel und sinniert dort über seinen Mörder (CIA oder Mohammed Atta). Christliches Dogma oder Ironie in Reinkultur? – Kierkegaard bewies, dass sich beide nicht kategorisch ausschließen müssen.

Der Kulminationspunkt des Albums, das in erster Linie als Vinyl und nur als En-Plus in CD-Form auf den Markt gebracht wurde, ist Lord Must Fix My Soul, das den Ohren mit fast zwölf Minuten einiges an Sitz- bzw. Hörfleisch abverlangt. Der beinahe rabenhafte Gesang bohrt den Kehrreim in das musische Gemüt des Publikums, bis auch der letzte Anwesende, der hinter dem Tresen auf seinen Abtransport wartet, das biblische Leitmotiv aus tiefster Seele gen Bühne schmettert.

Über die Gesamtlänge von 64 Minuten erklingt mit Live in Melbourne ein Album, dessen religiöse Integrität zu beurteilen ich nicht wage. Die Musik jedoch bietet einige gewichtige Hinhörer. Wiewohl der Gesang mitnichten leichtfertig ins Ohr geht, zeugt er doch von einer weltvergessenen Musikalität, die durch das bisweilen wohlfeile, z.T. jedoch ebenso holprige Miteinander der Ein-Mann-Show untermauert oder auch untergraben wird. Hörer, die sich eher mit popesken Klängen begnügen, werden mit The Dead Horse Experience keine große Freude haben. Freunde experimenteller Musik, ironischer Elastizität, vor allem jedoch ursprünglichen und tiefgehenden Countrys werden mit diesem Einstündler unendlich viel Spaß haben.

Trackliste

  1. Too Close To Heaven
  2. Announcement „Through The Hole“
  3. Through The Hole
  4. Announcement „Dried Out River“
  5. Dried Out River
  6. Announcement „Will The Circle Be Unbroken“
  7. Will The Circle Be Unbroken
  8. WTC In Heaven
  9. Announcement „Gates Of Heaven“
  10. Gates Of Heaven
  11. Lord Must Fix My Soul
  12. St. James Infirmary Blues
  13. Announcement „Merchandise Song“
  14. Merchandise Song
  15. Announcement „Falling“
  16. Falling
  17. Announcement „Waiting At The Turnpike“
  18. Waiting At The Turnpike
  19. Lost Highway
  20. I’m Not Here Anymore

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