The High Kings ~ Memory Lane (2010) / live (2011)

Da rollt was auf uns zu: wie ich es sehe, werden die High Kings die großen Bühnen erobern und das Erbe der Dubliners als Gesichter des Irish Folk antreten. Das sind dann keine gemütlichen älteren Herren mehr, denen man einen Lehnstuhl besorgen möchte. Als Entertainer sind die High Kings in Irland und den USA bereits jetzt ganz groß. Bei ihrem ersten Deutschlandauftritt in Balve 2011 bejubelt, kündigten sie verstärkte Präsenz auf europäischen Bühnen an.

Die Idee stammt von der gleichen Agentur wie Celtic Woman: eine Gruppe zusammenzustellen, die den Erwartungen an irisch/keltisches Entertainment und aktuellen Hörgewohnheiten entspricht. Bei den Männern ist aber kein synthetisches Produkt herausgekommen. Das Rezept für die High Kings: zwei Mitglieder aus bekannten Folkmusikerfamilien, dazu zwei singende Profis, die im Pop zu Hause sind. Das Material: Bekanntes und Bewährtes, mit guter Bühnenshow und viel Energie dargeboten. Folk’n Roll ist das genannt worden, bleibt aber im Wesentlichen akustisch.

Was Finbarr Clancy, Martin Furey, Brian Dunphy und Darren Holden von ihren Altvorderen unterscheidet, ist nicht Talent oder Engagement – das hatten auch die berühmten Väter -, sondern Arrangement. Live ebenso wie im Studio greifen sie tief in die große Trickkiste, variieren Tempo, Takt oder Tonart, teilen die Singstimmen und die Instrumentierung unterschiedlich auf. Mandoline, Bouzouki und Low Whistle zeigen, dass man die Entwicklung seit Planxty mitvollzogen hat, Gitarren, Akkordeon und Bodhran fügen Drive und Dichte hinzu. Der a capella – Gesang bewegt sich zwischen den Clancy Brothers und Crosby, Stills, Nash & Young, mal feinsinnig, mal robuster. Die Gruppe versucht, dem Bewährten neue Seiten abzugewinnen, ohne jemand zu verstören.

Memory Lane

Memory Lane macht schon im Titel deutlich, dass es um musikalische Erinnerungen geht. Jeder, der irgendwann ein Fitzelchen Irish Folk mitbekommen hat, wird sofort etwas wiedererkennen. Zwei Geigerinnen veredeln die gefühlvolleren Songs; Studiomusiker Ewan Cowley steuert eine Menge Melodieinstrumente bei. Sie sorgen mit zusätzlicher Percussion für einen satten, warmen Klangeindruck. Speziell der Bass hilft, den Sound zu aktualisieren. So fallen die Dopplungen einiger Titel mit der live-CD weniger ins Gewicht. Instrumentalsets sind übrigens nicht vertreten.
Es gibt viele kleine clevere I-Tüpfelchen und nachahmenswerte Ideen, durch die manches alte „Schlachtross“ aus dem gängigen Repertoire noch mal neu gestriegelt erscheint. Bemerkenswert z.B., wie das berühmte Thin Lizzy – Gitarrenriff bei Whiskey in the Jar ins Akustische übersetzt wird. Prominente Gäste sind die auf Rebellenlieder spezialisierten Wolfe Tones. Gemeinsam besingt man im Marschlied On the One Road die nationale Einheit, im Stil von Long Way to Tipperary. Boolavogue und Rising of the Moon erinnern an die Zeiten der Aufstände. Alle High Kings artikulieren beim Singen sehr deutlich, trotzdem wurden sämtliche Texte im Booklet abgedruckt.

Live

Die High Kings sind eine starke live-Band und bringen diese Qualität auch auf ihrem jüngsten Album rüber. Wir befinden uns in Dublin: das Publikum braucht nicht viel Überredung, um auf’s Stichwort hin mit- oder alleine zu singen. Bei den kurzen Ansagen scheint jedes Wort vorher überlegt worden zu sein. „Remember how proud we are to be Irish“ wird bejubelt, Balsam auf irische Seelen in Zeiten der Wirtschaftskrise. Den Untertitel „16 classic tracks“ kann man auf das Repertoire, aber auch auf die eigenen Aufnahmen der Gruppe beziehen.

Mit Rocky Road to Dublin werden Tempo und Messlatte gleich zu Anfang hoch gelegt. Es gibt keinen Moment, wo die Spannung durchhängt, auch nicht bei den langsamen Nummern. Clevere Takt- und Stilwechsel machen Star of the County Down interessant. Am überraschendsten für mich die peppige Version des amerikanischen Gewerkschaftsliedes Joe Hill, wo auch das Banjo zum Einsatz kommt. Rare Auld Times oder Fields of Athenry gehen dagegen in Richtung „Irish Tenors“ und damit ins Sentimentale. Das wird mit Überzeugung präsentiert und kommt gut an. Man darf sich beim Zuhören als Teil einer großen Gemeinschaft fühlen. Die Dubliners waren in ihren frühen Zeiten nicht so angepasst und hatten keine Scheu davor, auch mal anzuecken. In diesem Punkt sind keine Nachfolger in Sicht.

Memory Lane

  1. Step It Out Mary
  2. As I Roved Out
  3. The Fields of Athenry
  4. On the One Road
  5. Raglan Road
  6. Whiskey in the Jar
  7. Leaving of Liverpool
  8. Red Is the Rose
  9. Boolavogue
  10. Cavan Girl
  11. The Rising of the Moon
  12. Green Fields of France
  13. The Irish Rover

Live In Ireland

  1. Rocky Road To Dublin
  2. Finnegan’s Wake
  3. The Black Velvet Band
  4. The Fields Of Athenry
  5. Star Of County Down
  6. Rare Auld Times
  7. Joe Hill
  8. Holy Ground
  9. The Town I Loved So Well
  10. Go Lassie Go / Dutchman
  11. The Rising Of The Moon
  12. Green Fields Of France
  13. Red Is The Rose
  14. As I Roved Out
  15. Dirty Old Town
  16. Leaving Of Liverpool

 

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kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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