Tobias Escher solo ~ Getastet – nicht gequetscht! (2006)

Geschüttelt – nicht gerührt… Schon für den Humor des Titels muss man Tobias Escher mögen. Wenn man die CD gehört hat, kommt einiger Respekt für den Mann am Akkordeon dazu, der vielen als Mitglied von Jamie Clarke’s Perfect bekannt ist.

Das in Deutschland als Quetschkommode und Schifferklavier diffamierte Instrument hat eine Rehabilitierung nötig, zu stark sind noch die Assoziationen mit biederer Heimatmusik. Keltischer Rock könnte hier einiges verändern – wenn jemand so mit der „Ziehharmonika“ umgehen kann wie Tobias Escher.

Seit seinem siebten Lebensjahr spielt der jetzt 30-Jährige Akkordeon, freiwillig, wie er betont.

Seinem Instrument ist er nach dem Musik-Abitur beim Studium an der Hohner-Akademie in Trossingen treu geblieben. Er hat eine Reihe anderer Instrumente erlernt, sich intensiv mit Klassik und Jazz beschäftigt, ist als Schauspieler, Musikpädagoge oder Kleinkünstler mit vielfältigen Kooperationen in Erscheinung getreten und in der Musikszene offenbar ein sehr gefragter Mann.

Die vorliegende CD entstand zum Abschluss seines Studiums im Zusammenhang mit seinem Live-Soloprogramm. Musikalische Grenzen sind dem Tastenkünstler ebenso fremd wie tierischer Ernst. Mit diesen zehn Lieblingstiteln schlägt er den Bogen von Klezmer über Tango zum Jazz, als Komponisten stehen Duke Ellington und Chuck Berry nebeneinander. Dass es für Menschen mit offenen Ohren keine Minute langweilig wird, liegt aber vor allem an der Interpretation.

Der Profi-Akkordeonist spielt technisch so souverän, dass er sich ganz auf seine musikalischen Ideen konzentrieren kann. Er liefert unglaublich viele nuancenreiche Variationen und Harmonien und bringt die Möglichkeiten seines Instruments bestens zur Geltung, das verspielt-melodiös, melancholisch oder fröhlich klingen kann. Es „atmet“, – etwas, was ein Keyboard nie können wird.

Take Ten verleugnet die Verwandtschaft mit dem Jazz-Standard Take Five nicht. Nadine oder Man in A Hat von den Klezmatics entwickeln ziemlichen Drive. Richtig schräg wird’s bei Tom Waits‘ Jockey Full Of Bourbon. Anspieltipp ist natürlich Shane MacGowan’s If I Should Fall From Grace With God, das keine Rhythmusgruppe vermissen lässt. „Alle Lieder wurden getastet, gesungen, geklopft, gedrückt, gejault und ganz, ganz selten auch ein bisschen gequetscht“, und zwar im Alleingang, will heißen: Der Wizard aus Waiblingen singt selbst (auch mit Overdubbing), als Begleitung sind Bass und Percussion verschiedenster Art zu hören. Die Arrangements unterstreichen den Charakter der einzelnen Stücke sehr geschickt.

Einziger kleiner Mangel ist das Fehlen von schriftlichen Informationen über die Stücke. Aber was heißt das schon bei einem solchen musikalischen Ideenfeuerwerk.

Titel:

  1. Man In A Hat
  2. Take Ten
  3. Prelude To A Kiss
  4. Nadine
  5. Jockey Full Of Bourbon
  6. Tango Pour Claude
  7. If I Should Fall From Grace With God
  8. Di Krenitse
  9. Tershaté
  10. Down The Line

Für 2009 plant Tobias Escher gleich drei neue CDs: im Trio, im Duo mit einer Jazzsängerin und Solo mit selbst geschriebenen Titeln. Man darf gespannt sein.

Wegen der vielen eigenen Projekte wird ein Nachfolger für ihn gesucht, der als Akkordeonist bei Jamie Clarke’s Perfect einsteigt.

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kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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