Tri Yann ~ Morceaux de Choix / Abysses (2007)

abyssTri Yann sind schon ein Phänomen. 2011 können sie ihr 40-jähriges (!!) Bühnenjubiläum feiern. Neben dem Harfenspieler Alain Stivell gehören sie mit über drei Mio. verkauften Alben zu den erfolgreichsten Musikern der Bretagne. Aus den drei Jean’s (bretonisch Yann) ist eine achtköpfige Band geworden, die sich anscheinend immer wieder neu erfindet.

Tri Yann stammen aus dem französischsprachigen Ostteil der Bretagne, aus Nantes. Auch wenn sie eigene Stücke schreiben und ein modernes Instrumentarium benutzen, sehen sie sich in einer Linie mit der musikalischen Tradition. Folk-Pop wäre vielleicht eine treffendere Bezeichnung, aber auch eine kräftige Prise Mittelalter-Rock und Klassisches gehören dazu. Trotz der unzweifelhaften Routine fällt an den drei vorliegenden Alben die Vielseitigkeit und Kreativität auf.

Morceaux de Choix

Da wäre zunächst das Doppelalbum. Die Band hat zweimal 15 ihrer Lieblingstitel ausgewählt: einmal aus den Studio-, einmal aus den live-Aufnahmen. Die Studionummern umspannen die Jahre von 1976 bis 2003. Die Live-Nummern stammen von1996 und der Jubiläumsausgabe zum dreißigjährigen Bestehen von 2001.

CD 1 – Studioaufnahmen

morceauxIm Vordergrund steht konsequent der Gesang, solo, auf bretonische Art abwechselnd oder mit kraftvollen Harmonien, die unter die Haut gehen. Das kann sentimental bis hymnisch sein wie bei Complainte de Louis-Marie Jossic oder Divent a doir. Mut zu viel Gefühl sollte man für die Band schon haben; wer ‚schön’ klingenden Gesang nicht mag, wird wenig Gefallen an Tri Yann finden. Die Texte sind gut verständlich gesungen, falls jemand sein Französich auffrischen möchte. Die Herkunft aus Frankreich ist nicht nur an der Sprache, sondern auch an der Nähe zum Chanson zu spüren.

Mit La découverte ou l’ignorance ist ihre 1976 eingespielte Selbst-Beschreibung enthalten. In einer Art Monolog erklärt der Sänger stellvertretend, dass die Musiker sich trotz Französisch als Muttersprache deutlich als Bretonen definieren.

Weiteres Merkmal sind die sehr geschickten Arrangements. Bei acht Mitspielern, die teils Multiinstrumentalisten sind, gibt es unzählige Möglichkeiten. Trotzdem bleiben die Wechsel organisch und unterstreichen den Charakter de Liedes. Das Instrumentarium enthält typisch Bretonisches wie den Dudelsack Cornemuse oder das Rohrblattinstrument Bombarde. Dazu tritt weniger Erwartbares wie Mandocello, Dulcimer oder Streichpsalter (sozusagen eine mit Bogen gespielte dreieckige Zither). Der Sound ist nicht immer rockig, aber entspannt und angenehm.
Auf eine vielstimmige Strophe, die an ein Kirchenlied erinnert, kann ein Streichersatz und ein romantischer Sologesang folgen, bevor Drums, E-Gitarre und Bombarde einsetzen (Gwerz Porsal). Natürlich liegen den Melodien auch alte Tanzformen wie An Dro zugrunde. Man könnte z.B. Walzer tanzen zu Marie-Jeanne Gabrielle.

Da Tri Yann mit den traditionellen Formen sehr vertraut sind, passen ihre eigenen Songs nahtlos ins alte Repertoire. Einigen könnten sich Folkies und Rocker wohl am ehesten auf das gut mitsingbare Whisky Whisky, das die 1. CD beschließt. Aber auch dabei ist graderaus Abrocken der Band zu wenig. Da lassen sich in einem leicht schrägen Arrangement doch noch Tuba und Posaune einbauen.

  1. Princes qu’en mains tenez (La découverte ou l’ignorance, 1976)
  2. La dérobée de Guingamp (La découverte ou l’ignorance, 1976)
  3. Complainte de Yuna Madalen (Café du bon coin, 1983)
  4. La découverte ou l’ignorance (La découverte ou l’ignorance, 1976)
  5. Kerfank 1870 (Urba, 1978)
  6. Hanter Dro macabre (Urba, 1978)
  7. Complainte de Louis-Marie Jossic (Marines, 2003)
  8. De Nivôse en frimaire (Le pélégrin, 2001)
  9. Divent an dour (Marines, 2003)
  10. Gwerz Porsal (Le pélégrin, 2001)
  11. Korantenig (Le pélégrin, 2001)
  12. Les filles d’Irlande (Le pélégrin, 2001)
  13. Marie-Jeanne Gabrielle (Marines, 2003)
  14. Sein 1940 (Marines, 2003)
  15. Whisky Whisky (Marines, 2003)


CD 2 – live

Für den Rock- orientierten Hörer ist wahrscheinlich das live-Album am interessantesten. Ab der ersten Nummer ist zu spüren, dass die Leute in den großen Hallen mitgehen. Die Musik ist rhythmusbetonter, das Chansonhafte tritt zurück. Pipes und E-Gitarre liefern sich Duelle, als Nebenmelodie wird schon mal ein locker gespielter Reel auf der Tinwhistle eingeflochten.

Die Stimmung entsteht aber nicht unbedingt durch Tempo und Lautstärke. Die Bretagne-Hymne Bro goz ma zadou mit einer Gastsängerin geht in Richtung „pop meets classics“. Das Volkslied vom Gefangenen aus Nantes scheint Allgemeingut zu sein und wird vielfach vom Publikum mitgesungen. Höhepunkt ist für mich Le soleil est noir, von fünf Männern fast ohne Begleitung gesungen.Wie sie durch gemeinsame Steigerungen Dynamik entfalten und ihre Stimmen wie Instrumente einsetzen ist bewundernswert. Man spürt, dass es ihnen mit dem Inhalt sehr ernst ist: das Lied handelt von der Ölkatastrophe der ‚Amoco Cadiz’, die 1978 die bretonischen Strände verseuchte.

In der zweiten Hälfte der CD wird es rockiger. Die typisch bretonischen Wechselgesänge mit ihren kurzen, immer wiederholten Zeilen eignen sich gut, um sie mit einem kräftigen Beat zu unterlegen. Einzelne Titel habe ich aus den nördlichen keltischen Nachbarländern schon mit anderem Text gehört; so entpuppt sich das abschließende Je m’en vas als eine Übersetzung von The Leaving of Liverpool. Auch der Weg andersherum wäre denkbar: Zu den eingängigen Melodien ließe sich bestimmt öfter ein englischer Text machen.

  1. Chanson de Pelot d’Hennebont (Tri Yann en concert, 1996)
  2. An distro euz a vro zaoz (Tri Yann en concert, 1996)
  3. Le soleil est noir (Tri Yann en concert, 1996)
  4. Korydwen et le rouge de Kenholl (invitée: Bleunwenn Mevel) (30 ans au Zénith, 2001)
  5. Si mort a mors (30 ans au Zénith, 2001)
  6. Bro goz ma zadou (invitée: Bleunwenn Mevel) (30 ans au Zénith, 2001)
  7. Ce sont les filles des Forges (30 ans au Zénith, 2001)
  8. Dans les prisons de Nantes (30 ans au Zénith, 2001)
  9. Kan an alarc’h (Tri Yann en concert, 1996)
  10. Kan ar kann (30 ans au Zénith, 2001)
  11. Le loup, le renard, la jument de Michaud (30 ans au Zénith, 2001)
  12. I rim bo ro (30 ans au Zénith, 2001)
  13. Fransoazig (30 ans au Zénith, 2001)
  14. La geste de Sarajevo (30 ans au Zénith, 2001)
  15. Je m’en vas (30 ans au Zénith, 2001)


Tri Yann live
Tri Yann live


Abysses (2007)

Mit Abysses legen Tri Yann ihr zweites maritimes Themenalbum vor. Nach ‚Marines’, das an der Wasseroberfläche blieb, geht es nun hinunter in die Tiefsee. Der nachgeahmte Klang eines Echolots verbindet die einzelnen Nummern, auf dem Bonustrack sind die Elektronik-Sounds noch mal pur zu hören. Zu den akustischen Eindrücken kann man sich auch gut Bilder des Unterwasser-Pioniers Jacques Cousteau vorstellen.

Abysses ist das erste Album, dessen Titel die Band komplett selbst geschrieben hat, und das ist Tri Yann bemerkenswert gut gelungen. Der größte Unterschied ist aber nicht die Herkunft der Stücke, sondern die Verbindung mit Computerbeats. Abysses entspricht heutigen Hörgewohnheiten, ohne beliebig zu wirken. Die Sounds sind stark auf den jeweiligen Inhalt bezogen. Zu den acht eigenen Leuten wurden weitere dreizehn Gastmusiker angeheuert, darunter eine komplette Bläsergruppe.

Nach dem Gruß an den Meeresgott Neptun geht es um Muränen, Sirenen, Nereiden oder die sagenhafte untergegangene Stadt Is. In Lancastria wird an den Untergang eines Flüchtlingsschiffes vor St.Nazaire erinnert. Nach Beschuss durch deutsche Flieger sank die britische Lancastria binnen Minuten, Tausende kamen um. Auch ein Instrumentalstück ist dabei.
Live präsentiert die Band Abysses in phantasievollen, opulenten Kostümen, die Figuren aus den Songs präsentieren. Zu sehen sind diese auf der Homepage, die eine Menge gute Konzertfotos enthält.

Trotz der vielen Vorgänger-Alben hat man nicht den Eindruck, dass die Band nurmehr sich selbst kopiert, sondern dass da noch genug Ideen auf Umsetzung warten.

  1. Gloire à toi Neptune
  2. La solette et le limandin
  3. Bransle des murènes
  4. Dessous la ville de Nantes
  5. Lorc’hentez Kêr Is
  6. Dans la lune au fond de l’eau
  7. Petite sirène
  8. Jai croisé les néréides
  9. Sonenn ar mor don
  10. Gavotenn ar seizh
  11. Lancastria
  12. Tir-fo-tonn
  13. Le sous marin
  14. L’eden des mers
  15. Bonus


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kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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