Urban Trad ~ Erbalunga (2007)

Erbalunga - Urband TradUrban Trad wurden einer breiteren Öffentlichkeit durch die Teilnahme am Grand Prix de la Chanson bekannt. Dort holten sie 2003 für Belgien einen beachtlichen 2. Platz.

Ihr Konzept ist ziemlich einzigartig: Weltmusik mit modernen Dancefloor – Sounds zu verbinden. Die von Urban Trad so bezeichnete „Folkmusik des 21. Jahrhunderts“ ist Mainstream-kompatibel und scheint sich in Belgien recht gut zu verkaufen.

Mastermind der Gruppe ist Yves Barbieux, der Urban Trad im Jahr 2000 gründete. Er schreibt nicht nur die meisten Melodien und Texte, sondern ist auch für die Drum- und Keyboardprogrammierung zuständig. Erbalunga ist das vierte Album. Der Name stammt von einem kleinen Ort auf Korsika, an dem sich Barbieux zum Zweck der Inspiration aufgehalten hat.

Vielleicht ist das politische gespaltene, mehrsprachige Belgien besonders für gesamteuropäische Projekte geeignet – zu hören sind Einflüsse von Schweden bis Spanien, Gastmusiker aus Afrika bringen weitere Klangfarben mit. Gesungen wird französich, flämisch, englisch und asturisch(?). Jedenfalls hat die Musik das Potential, Menschen zusammen zu führen. Folkies wie auch die Liebhaber elektronischer Beats könnten gegenseitige Vorurteile abbauen.

Entfernte Ähnlichkeit gibt es mit den spanischen Dudelsackspielern Carlos Núñez oder Hevia. Bei Hevias Hit Busindre Reel war die Rollenverteilung eindeutig: Die Begleitung hatte sich der Melodie der Pipes unterzuordnen. Bei Urban Trad ist die Zuweisung nicht ganz so klar. Drum and Bass, Loops und Effekte sind mehr als nur Beiwerk und Begleitung. Die Computersounds sind ebenso wie die akustischen Parts detailliert gestaltet und abwechslungsreich kombiniert.

Die Sängerinnen, beide mit sehr folkigem Stil, ergänzen sich hervorragend. Sie kontrastieren deutlich mit den poppigen Arrangements. Gitarre, Mandoline und Knopfakkordeon verstärken den akustischen Anteil. Die rockige Rhythmussektion bringt ein weiteres Element ein. Die gesamte Kombination entwickelt gerade durch die Spannung zwischen den Stilen eine Menge Power.

Häufig beginnt ein Titel mit einer ungewöhnlichen, „ethnisch“ klingenden Melodie, die in eine vertrautere Dur- oder Molltonart aufgelöst wird. Gesungene Strophen und vielfältige Instrumentalsoli wechseln ab. Auch innerhalb der Stücke ändern sich Tempi und Stimmungen.

Anspieltipps sind Fields of Deeley und Accovi/Onderweg, die etwas ruhiger sind und auch rein akustisch spielbar wären. Einem DJ würde ich die Ohrwürmer Polaire und Scottiche de la tête ans Herz legen.

Man sollte die CD in einem richtig großen Raum auf einer entsprechenden Anlage spielen, um den ‚wow-Effekt‘ zu erleben. Der Sound ist nämlich beeindruckend.

Die Gretchenfrage ist, ob man zwingend einen modernen Sound als Verpackung braucht, um traditionelle Musik den Menschen des 21. Jahrhunderts nahe zu bringen. Ich denke, gut gespielte Volksmusikinstrumente können aus sich selbst heraus überzeugen. Es handelt sich bei den Titeln auf Erbalunga ohnehin um Stilzitate und nicht um komplett nachgespielte Volkslieder. Ich gebe zu, dass mich die synthetischen Klänge eher nerven, erkenne aber an, dass das Ganze toll gemacht ist. Wenn ein solches Projekt dazu führt, dass sich mehr Menschen für Musik mit Wurzeln interessieren, ist das unterstützenswert.

Musiker/-innen:

Urban TradYves Barbieux (Flöten und galizischer Dudelsack)
Veronica Codesal (Gesang)
Soetkin Collier (Gesang)
Sophie Cavez (diatonisches Akkordeon)
Philip Masure (akustische Gitarre)
Michel Morvan (Schlagzeug)
Dirk Naessens (Geige)
Cédric Waterschoot (Bass)



Tracklist:

  1. 1. Sans garde-fou
  2. 2. Hedningarden
  3. 3. Oh la belle
  4. 4. Le serpent
  5. 5. Erbalunga
  6. 6. Fields of Deeley
  7. 7. L’olivier
  8. 8. Bourrée Tappen
  9. 9. Accovi / Onderweg
  10. 10. Polaire
  11. 11. Noite Longa
  12. 12. Scottiche de la tête
  13. 13. Asturiana
  14. 14. A Terra
  15. BONUS 15. Diama Den

Zu den 14 Titeln plus Bonustrack gibt es auch noch Klingeltöne mit Werbung für das Album. Das Booklet enthält alle Texte und eine Menge Fotos.

In Deutschland sind Urban Trad live in diesem Jahr wieder beim Folk im Schlosshof, Bonfeld, im Juni zu erleben.


Making of, Video 1: http://www.youtube.com/watch?v=20OrwoxJImY

Making of, Video 2: http://www.youtube.com/watch?v=dd5nzA3j-wY&feature=related

Einführung des Albums mit Diashow: http://www.youtube.com/watch?v=jvh8IQ-mV2A&feature=related


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kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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