Ordinary Man

Sehr packend werden hier die Gedanken und Gefühle eines Menschen ausgedrückt, der sich vom Jobverlust bedroht sieht – er ist der ganz normale „Mann von der Straße“ . Mit dem Ich-Erzähler kann man sich sofort identifizieren. Er verliert seinen Arbeitsplatz, weil die Fabrik geschlossen wird.

Neue Arbeit ist nicht zu finden. Er weiß nicht, wie er die Miete bezahlen soll und wie die Zukunft der Kinder aussieht, ist aber sicher, dass der Chef eher noch reicher werden wird. Bei der Entlassung geht es nicht nur um Geld. Noch mehr als die finanzielle Not trifft den Helden, dass ihm Würde und Selbstwertgefühl genommen wurden. Er sieht sich als Angehöriger einer ganzen für wertlos erklärten Generation.

Wohlverhalten – Fleiß, Betriebstreue, Verzicht auf Streiks – zahlt sich nicht aus. Fairness und Verlässlichkeit sind keine Maßstäbe im Wirtschaftsleben mehr. Das Ganze ist etwas klischeehaft zugespitzt – die Fabrik wird abgerissen, der Boss raucht Zigarre – trifft aber die empfundene Ohnmacht und Hilflosigkeit sehr gut.

Hintergrund

Der Song entstand im Norden Englands, wo in den 1980ern Tausenden ein ähnliches Schicksal widerfuhr. Als Margaret Thatcher 1979 Premierministerin wurde, begann sie eine umfassende Politik der Liberalisierung und Ent-Staatlichung.Die Strukturen in der Wirtschaft waren vielfach veraltet, sie setzte jedoch weniger auf Reform als auf Zerschlagung und legte sich speziell mit den Gewerkschaften an. Unter dem Motto „There Is No Alternative“, kurz TINA, verordnete sie dem Land einen radikalen Privatisierungskurs, was mit massivem Arbeitsplatzabbau verbunden war. Populär machten sie der Falklandkrieg und ihre harte Haltung gegenüber der EU. Auch gegenüber den hungerstreikenden IRA-Gefangenen um Bobby Sands zeigte sie sich kompromisslos. 1983 und 87 wurde Thatcher wiedergewählt.
Die „Eiserne Lady“ polarisierte das Land auf bisher ungekannte Weise. Höhepunkt der erbitterten Auseinandersetzungen war der erfolglose Bergarbeiterstreik 1984/85. Die soziale Schere und auch das Nord-Südgefälle des Einkommens gingen weiter auseinander. Als sie 1990 zurücktrat, hatte sich das Land grundlegend verändert.

Nach der Bankenkrise vor zwei Jahren ist der britische Staat aktuell in eine bedrohliche Schuldenkrise geraten, die an Irland und Griechenland erinnert. Wiederum wird der Druck auf die „kleinen Leute“ verstärkt. Es sieht nicht so aus, als ob das Lied vom Ordinary Man bald wieder seine Aktualität verlieren würde.


Text

I’m an ordinary man, nothin‘ special, nothin‘ grand,
I’ve had to work for everything I own.
Well I never asked for a lot, I was happy with what I got,
Enough to keep my family and my home.
Now they say that times are hard and they’ve handed me my cards,
They say there’s not the work to go around.
When the whistle blows the gates will finally close,
Tonight they’re going to shut this factory down,
Then they’ll tear it down.

I never missed a day nor went on strike for better pay
For 20 years I served them best I could.
With a handshake and a cheque it seems so easy to forget
Loyalty through the bad times and through good.
The owner says he’s sad to see things have got so bad
But the Captains of Industry won’t let him loose,
He still drives a car and smokes a cigar
And still he takes his family on a cruise.
He’ll never lose.

Now it seems to me to be such a cruel irony,
He’s richer now than he ever was before.
Now my cheque is spent and I can’t afford the rent,
There’s one law for the rich, one for the poor.
Every day I’ve tried to salvage some of my pride,
To find some work so’s I might pay my way.
But everywhere I go the answer is always no,
There’s no work for anyone here today.
No work today.

And so condemned I stand, just an ordinary man,
Like thousands beside me in the queue.
I watch my darlin‘ wife tryin‘ to make the best of life,
God knows what the kids are going to do.
Now that we are faced with this human waste,
A generation cast aside
For as long as I live I never will forgive,
You’ve stripped me of my dignity and pride.
You’ve stripped me bare.

Die Strophen sind nach dem oft gebrauchten Schema AABA aufgebaut, wobei aber die letzte Zeile mit etwas veränderter Melodie wiederholt wird. Es gibt keinen Refrain.

Herkunft

Diesmal hat nicht der Sänger das Lied gefunden, sondern das Lied den Sänger. Christy Moore, durch Planxty und Moving Hearts berühmt geworden, war Anfang der Achtziger auf Tour in Großbritannien. Eines Tages steckte ihm jemand eine Musikcassette zu und verschwand sofort wieder. Aufgenommen war der Ordinary Man. Christy Moore versuchte eine Weile, den Namen des unbekannten Autors herauszukriegen, jedoch ohne Erfolg. Eines Tages meldete dieser sich selbst, es war Peter Hames. Über Hames weiß man wenig mehr, als dass er aus der Hafenstadt Grimsby kommt.
Christy verkörperte den „Working Class Hero“ überzeugend und benannte sein Soloalbum von 1985 nach dem Song. Vor allem live wird der Song gern gecovert.

Aufnahmen

Die Aufrichtigkeit und Intensität, mit der Christy Moore das Lied singt, haben viele Menschen bewegt. Seine Live-Aufnahme gibt’s in unserem youtube-channel. Hier die Studioaufnahme mit einer international bebilderten Fassung aus den USA.

Zum Reinhören eine etwas rockigere Fassungvon der Homepage der Keltic Kats aus Kilkenny.

Unter dem gleichen Titel gibt es übrigens eine Reihe anderer Songs, u.a. aus dem Musical“My Fair Lady“.

kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

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