Reverend Peyton’s Big Damn Band – The Wages (2010)

Nun hat es also auch sie erwischt – auch Reverend Peyton’s Big Damn Band konnte sich nicht auf die große Fahrt zu ihrer Europatour begeben, denn – wer hätte es gedacht – der isländische Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen spuckte zu viel Asche in die Luft, um die kleine, aber agile Familienband aus Süd-Indiana mit dem Flieger zu uns zu tragen. „Was soll’s“ zu schreiben, wäre gelogen, denn live waren der Reverend und seine Truppe im letzten Jahr so feurig und einzigartig wie Persimmon-Pie mit Chili. Doch zum Glück gibt es nun ihr neues Album – und außerdem mehr Zeit, um auf eine neue Europatour und mehr Termine in Deutschland zu hoffen!

Eines vorweg: Wer dieser Big Damn Band schon zu Zeiten ihres Vorgängeralbums „The Whole Fam Damnily“ verfallen war, der wird sich über diesen Nachschub freuen. Denn weder muss man befürchten, dass „The Wages“ einfach nur eine Fortsetzung der alten Lieder ist, noch, dass die Band ihre Wurzeln vergessen hätte. Der waschechte Kentucky Colonel hat seinen Stil gefunden und macht neue, spannende, noch verspielter klingende Werke daraus. Themen tauchen auf, von denen jeder ein Lied singen könnte, doch nie anzustimmen gewagt hat. So zum Beispiel in dem den Lebensunterhalt thematisierenden Song „Everything’s Raising“:

Alles wächst bis auf „the wages“ (das Einkommen),stellt der bärtige Mann fest und seine Frau „Washboard“ Breezy schrubbt sich dazu voller Elan auf ihrem Profi-Waschbrett mit Pyroeffekt die Seele aus dem Leib. Die Band aus den Bergen des Bown County haben also auch nicht ihre von persönlichen Erfahrungen geprägte, engagierte Sicht auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aspekte des Lebens verloren und zustimmend nickt man gelegentlich: Ja, das könnte ich auch mal gedacht haben. Unerwiderte Liebe wie in „Sure Feels Like Rain“ wird genauso benannt, wie das Verschwinden der klischeehaften amerikanischen Familienfarm, oder der Missbrauch der Partydroge Crystal („In a Holler Over There“). Dennoch wirken ihre Texte nicht tragisch oder gar resignativ, sondern verraten eher einen wachen Blick auf die Verhältnisse in der Welt – und besonders in ihrer Heimat. Und so bleibt das ihnen vertraute Leben auf dem Land immer das heimliche oder offensichtliche Zentrum ihrer Texte, wie in „Born Bred Corn Fed“.

Eine deutliche Veränderung dieser Platte, im Vergleich zum Vorgänger, ist der merklich verbesserte Sound. Dadurch hört man die treibenden „train-beats“ des neuen Schlagzeug und bekennenden Eimer- Spielers Aaron „Cuz“ Persinger, ein entfernter Cousin des Reverends, in ihrer druckvollen Pracht. Ebenso kommt diesmal Breezys Gesang besser zur Geltung, ja, wird sogar direkt in den Vordergrund gerückt, wenn sie auf „Redbuds“ zum Refrain die Oberstimme schmettert, die schließlich im Finale in einem kraftvollen Chor aufgeht. Die Strophen sind von einer Mundharmonika begleitet, deren Klang einen in weite, bisweilen vielleicht öde Landschaften trägt. Von blusigem Gitarrenspiel ist das lebendige „Clap Your Hands“ geprägt: Leisere, schnelle Strophen mit juchzenden und klatschenden Musikern im Hintergrund heben die Stimmung und bereiten auf laute Refrains vor. Ein stampfender, dampfender Zug durchquert die Räume des Hörers in „That Train Song“, der immer näher zur kommen scheint und an Geschwindigkeit zulegt, bis man den Schweiß auf den Stirnen der Band förmlich riechen kann. Gemächlicher und vom Gesang noch deutlicher Blues-geprägt erzählt der Reverend mit der Stimmkraft eines Predigers von Mord in „Lick Creek Road“. Beinahe an die Struktur eines Kinderliedes erinnert „Ft. Wayne Zoo“: Eine leichte Melodie wird wiederholt und lädt nach Gospelart zum Mitschmettern ein. Wer nach diesem mächtigen Kinderlied glaubt, die drei aus Indiana hätten damit schon alle Register gezogen, der täuscht sich gewaltig: Mit unglaublicher Geschwindigkeit und in brillianter Mischung zwischen Polka-Elementen, Country und Blues schlägt der Live-Knaller „Two Bottles of Wine“ ein – definitiv ein Party-Hit und krönt die Stimmung bei Live-Auftritten vor allem, wenn die Familie zum Mitmachen auffordert. Es bleibt einem keine andere Wahl, als gute Laune zu bekommen und nach mehr zu verlangen. Beruhigt wird dieses Begehren erst durch das nachdenklich wirkende „Miss Sarah“.

Alles in allem ist dieses Werk also mal wieder ein unumgängliches Muss für jeden Fan der Big Damn Band: Eine Platte voller Energie, Glaubwürdigkeit, Experimentierfreudigkeit und Liebe zur Musik, als auch zum Leben auf dem Land. Und wer noch kein Fan der einstigen Vorband von Flogging Molly ist, wird es mit dieser CD definitiv werden.

Übrigens: Wen die ausgefallenen Konzerte zu arg schmerzen, der kann sich zum Trost ein hübsches Tourposter über die Homepage der Band besorgen.

Trackliste

  1. Born Bred Corn Fed
  2. Redbuds
  3. Clap Your Hands
  4. Sure Feels like Rain
  5. Everything’s Raising
  6. What Go Around Come Around
  7. In A Holler Over There
  8. That Train Song
  9. Lick Creek Road
  10. Ft. Wayne Zoo
  11. Just Getting By
  12. Two Bottles of Wine
  13. Miss Sarah

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tica

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