Nobody Knows ~ Tanz (2010)

Ich bin weder ein Hellseher, noch ein Prophet und lese noch nicht einmal Horoskope. Trotzdem sehe ich eine großartige Karriere für NOBODY KNOWS aus Stendal voraus. Ihrem Alter entsprechend klingt diese Band jung, energisch und unverbraucht, was sicherlich mit daran liegt, dass das Quartett um Sänger Max Heckel ohne Scheuklappen ans Werk geht und eine ganz eigene Mischung aus Folkpop kreiert, in die ziemlich jeder Musikstil untergebracht wird, der sich auch nur ansatzweise mit Folk kombinieren lässt. Kein Wunder dass NOBODY KNOWS im letzten Jahr mit ihrem Longplayer „We Folk You!“ nicht nur innerhalb der Celtic Rock Redaktion sämtliche Herzen im Sturm eroberten. Nur wenige Bands dieses Genres können sich mit dem Prädikat „radiotauglich“ schmücken, ganz ohne mit dem Kommerz zu liebäugeln, wie es mitunter Szenegrößen wie FIDDLER´S GREEN vorgeworfen wird.

Nach insgesamt sechs (!) Longplayern, gibt es nun auch erstmalig eine Single der „Unbekannten“, die sowohl auf CD, als auch als Vinyl-Version erschienen ist. Enthalten sind drei verschiedene Versionen der Eigenkomposition „Tanz“, die irgendwo zwischen Ska, osteuropäischer Polka und relaxtem Pop angesiedelt ist. Spätestens nach dem (gewollt) überzogenen, englisch gesprochenen Intro mit Studioapplaus, in dem die Band kurzerhand in New York / California angesiedelt wird, dürfte jeder Hörer wissen, dass diese Musiker sich selbst nicht allzu ernst nehmen. Umso ernster nimmt man dafür den „Spaß“, der vermittelt werden soll, ist dieser Song doch eine sich permanent wiederholende Aufforderung das Tanzbein zu schwingen. Dazu erklingen neben Orgel, Piano und Akkordeon auch Bläser-Arrangements, die für eine Band aus dem Folk-Genre schon fast zu exotisch klingen. Das Gesamtergebnis gibt der Experimentierfreude der Stendaler auf jeden Fall Recht, denn dem völlig durchgeknallten Text wäre eine puristische Folk-Gewandung sicherlich nicht wirklich gerecht geworden.

Zitat:

Ein jeder ist gut anzusehen,

weiß man das Tanzbein zu verdrehen!

Jetzt steh nicht rum im Trauertal,

sing kräftig international

und tanz!!!

Vorgetragen mit einem irre gerollten „r“ richtet diese Nummer genau das an, was der Titel befürchten lässt, sie animiert zum tanzen. Das man es auf dieser musikalischen Mission nicht nur auf Folk-Jünger abgesehen hat, dürfte spätestens mit der zweiten Version von „Tanz“ klar sein. Diese würde ich als Elektro-Pop bezeichnen und muss gestehen, dass ich auch für die „elektronische Tanzaufforderung“ eine Schwäche habe. Wer ausschließlich auf handgemachte, akkustische Klänge steht, wird wahrscheinlich nur verständnislos mit dem Kopf schütteln, wer jedoch keine Berührungsängste kennt, oder diese Version ganz einfach mit Humor nimmt, dürfte auch in diesem Falle bereit sein, eine wilde New-Wave-Polka (?) aufs Parkett zu legen. Zu guter Letzt wäre da noch die „Extended Version“, die sich wieder an der ursprünglichen Umsetzung des Liedes orientiert, allerdings um einige Trompeten- und Gitarrenparts erweitert wurde.

Grundsätzlich stellt sich mir die Frage, warum man für teures Geld CD´s pressen lässt, wenn man die Spielzeit dann damit verschwendet, das gleiche Lied in drei verschiedenen Versionen zu präsentieren. Andererseits vergrößern sich die Chancen bei den Club- und Radio DJ´s sicherlich, wenn man den Fokus auf eine bestimmte Nummer legt. Trotzdem bevorzuge ich persönlich die Vinyl Single, auf der lediglich die ersten beiden Versionen enthalten sind. Auch Folk Puristen kann ich nur dazu ermuntern, sich nicht länger verzweifelt an den Platten der DUBLINERS und CLANCY BROTHERS festzuklammern, sondern auch dem, was man 2011 unter Folk versteht eine Chance zu geben. Letztendlich sind es doch Gruppen wie NOBODY KNOWS oder IN SEARCH OF A ROSE, die das Folk-Genre am Leben halten, weil diese auch jüngeren Generationen traditionelle Klänge schmackhaft machen.

Abschließen möchte ich diese Rezension mit der Empfehlung, sich mal von dem komödiantischen Talent dieser Truppe zu überzeugen, das die vier in dem selbstproduzierten und brillianten Videoclip zu „Francois“ (vom Album „We Folk You“) unter Beweis stellen.

Es darf getanzt werden!

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joern

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