Rhythmnreel ~ Twenty (2012)

Wie? Schon vorbei? Müssen die ausgerechnet mit meinem Lieblings-Reel aufhören, wo auch noch das wunderbare Riff von The Who drinsteckt? Nochmaaal…. 44 Minuten sind für solche Gute-Laune-Musik einfach zu kurz. In diesen 11 Titeln stecken allerdings mehr Schwung und Ideen als bei manchen anderen Bands in der doppelten Zeit. Die CD befindet sich bei mir seit Wochen im Dauer-Einsatz, und ich versuche gern zu erklären weshalb.

Rhythmnreel nennen sich auf ihrer Webseite „one of Scotland’s leading party bands“, was nicht übertrieben ist. Sie beschränken sich aber nicht auf Evergreens, sondern bringen eigene Songs mit ansprechenden Texten. Wie Frontmann Jim Kennedy es ausdrückt: „Wir versuchen, gleichzeitig unterhaltsam und relevant zu sein.“ Die Band kommt meinem Idealbild von gutem Folk Rock sehr nahe: die Melodieinstrumente behalten ihre überlieferte Spielweise und ihr Material, die Rhythmusgruppe unterstützt dynamisch und abwechslungsreich, beide Seiten spielen sich die Bälle zu, damit etwas Neues entsteht. Das Ganze verbindet sich zu einem musikalischen Ü-Ei (Spielen, Spaß und Nachdenken), einer kompakten Einheit, die Freude macht.
Die Schotten haben mich live mehrmals begeistert. Meine entsprechend hohen Erwartungen an ‚Twenty‘ wurden nicht enttäuscht. Verglichen mit dem Vorgänger ‚The Crossing‘ ist die Band weiter zusammengewachsen, wenn man das nach 20 Jahren „on the road“ so sagen kann. Mit dem inzwischen ausgeschiedenen Sänger ist auch der deutliche amerikanische Einschlag verschwunden, so dass das Material insgesamt stimmiger wirkt. Es ist bei regelmäßigen Auftritten quer durch die Highlands erprobt.
Die semiprofessionelle Band hat sich auf ein ganzes Kollektiv von Leuten erweitert, das altersmäßig drei Generationen umspannt. An der CD war ein volles Dutzend MusikerInnen beteiligt – neben Highland Pipes, Sänger und Rhythmusfraktion eine halbe Ceilidh-Band mit drei Fiddles, Whistle/Saxophon und Akkordeon. Daher ist der vorsorgliche Hinweis im Booklet nicht verkehrt, live trete man zu Sechst oder Siebt auf (was sich vermutlich an um ihre Finanzen besorgte Veranstalter richtet). Wie im Fußball gibt es Stamm- und Auswechselspieler, so dass man immer einsatzbereit ist.

Von den Arrangements her können Rhythmnreel also aus dem Vollen schöpfen. Der Beweis, dass man AC/DC auf den Highland Pipes spielen kann, ist von anderen erbracht. RnR behandeln den Dudelsack als ganz normales Instrument und leisten sich sogar den Luxus, einen ihrer vier PiperInnen nur mit der Tin Whistle antreten zu lassen – was er hervorragend macht. Sie setzen die Pipes nur bei vier Tracks und im traditionellen Stil ein. Vertrackte und fetzige Instrumentalstücke sind meist in Dreiersets kombiniert und geschickt arrangiert. Die E-Gitarre gefällt mit satten Sounds, die an Rock-Klassiker erinnern. Für kleine Überraschungen ist gesorgt: Zwischen zwei Fiddle-Reels taucht unerwartet ein Saxophon-Solo auf, Breaks und kleine Rhythmusverschiebungen geben Würze. Bass und Drums agieren ideenreich und geben Druck, ohne die Kollegen an die Wand zu spielen. Das ist keine Rockband mit akustischen Sound-Einsprengseln, sondern die originäre Verbindung von zwei musikalischen Welten, die so weit gar nicht auseinander liegen.

Der größte Unterschied zum Vorgänger-Album liegt in den Songs. Alle sechs wurden von Sänger Jim Kennedy selbst geschrieben. Man hat diesmal darauf verzichtet, Pop-Covers aufzunehmen und sich ganz auf die eigenen Stärken besonnen. Das ist ein bisschen schade, wenn ich an das wunderbare „Little Lion Man“ denke, aber es ist folgerichtig und funktioniert. Jim schreibt eingängige Songs, ohne dabei oberflächlich zu bleiben. Er lässt sich bei Fahrten durch die den schottischen Norden gerne von historischen Ereignissen inspirieren. Im Booklet gibt es leider nur Stichworte zum Hintergrund, wikipedia liefert die historischen Details.

Show of Hands erinnert an die Clearances, die massenhafte Vertreibung von Kleinbauern aus den Highlands, und beschwört die bleibenden Verbindungen über die Meere hinweg -auch die zu Freunden der Band in der Schweiz, in Holland oder Deutschland. Riot Act erinnert an die gewalttätige Niederschlagung eines Aufstandes bei Stornoway 1888. Melodisch klingen passender Weise die rebellischen Siebziger an. Bei Bring the Boys Home geht es um ein Schiffsunglück, wo über 200 Soldaten, die den 1. Weltkrieg überlebt hatten, kurz vor dem Heimathafen ertranken. Mit einem zündenden Intro von den Pipes und Ohrwurm-Refrain eine tolle Mitmach-Nummer. Es gibt mit Love Stone und Save Me aber auch Songs für die Feuerzeug-Momente, wo sich der sonst so energiegeladene Frontmann von seiner stillen Seite zeigt. Mit dem Gesang ist er ziemlich allein, hat sogar selbst die meisten backing vocals aufgenommen. Live braucht es allerdings nicht viele Sänger, denn da übernimmt das Publikum in der Regel den Refrain. Diese Kooperation ist es, die der Band so viel Spaß bringt.
Ein aktuelles Interview mit der Band ist bei InvernessGigs zufinden.

Das Keltenrock-Kollektiv bietet authentische, aktuelle Musik aus Schottland mit hohem Spaßfaktor.
Für mich sind Rhythmnreel als Festivalband erste Wahl – am besten auch in Deutschland 2013!

Trackliste

  1. Baravan Set
  2. Bring the Boys Home
  3. Diplodocus
  4. Riot Act
  5. Love Stone
  6. Mozart
  7. Show of Hands
  8. High Road
  9. Run and Hide
  10. Save Me
  11. Party Scene

 

Homepage | Myspace | Facebook | Bestellen | Medienbox | Über Rezensionen

 

kuec

Für celtic-rock.de schreibe ich seit 2008. Meine Instrumente sind Geige, Gitarre und Bass.

Letzte Artikel von kuec (Alle anzeigen)

Schreibe einen Kommentar